280

IV.    Das vernetzte Gehirn

These 13

Mutter und Säugling 1

Intihuatana + Tempelberg, Machu Picchu, Peru
Intihuatana + Tempelberg, Machu Picchu, Peru


Die Hilflosigkeit des menschlichen Neugeborenen erfordert eine neue Form der Kommunikation. Der neugeborene Affe kann durch ziel­ge­richtete Handlungen kommunizieren.

Das menschliche Neuge­borene kann das nicht. Vielmehr muss die Mutter die Wünsche des Säuglings erraten, sie muss seine Intentionen verstehen, um die angemessenen Pflegehandlungen durch­führen zu können.

Erläuterung:

Während der neugeborene Affe bereits ein aktives Mitglied seiner sozialen Gruppe ist, ist das menschliche Neugeborene hilflos. Um die Mechanismen, die hier wirken, und die Fähigkeiten, die von den Indi­viduen beherrscht werden müssen, zu verstehen, sind die Phäno­mene des Mentalisierens und der Intentionalität wichtig.

Dunbar beschreibt sie wie folgt:

Nichtsdestoweniger haben Primatologen immer angenommen, daß es so etwas wie eine „soziale Kognition“ (ein soziales Erkennen) gibt. Diese Fähigkeit manifestiert sich bei Menschen in der Eigenschaft, sich in die Gedankenwelt eines anderen versetzen zu können (ein Phänomen, das in der psycho­logischen Literatur als „Mentalising“ – „Mentalisieren“ bekannt ist.

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271

Bei Primaten korreliert die Gruppengröße mit der Gehirngröße, bei anderen Säugetieren und bei Vögeln ist das nicht der Fall.

Machu Picchu, Peru
Machu Picchu, Peru


Dort lässt sich aber feststellen, dass die monogam (in Paarbindung) lebenden Arten ein größeres Gehirn haben als die polygam lebenden Arten. Dunbar deutet diesen Befund so,

daß der ursprüngliche Anreiz zur Evolution größerer Gehirne in der Entwicklung einer Paarbindung zu finden ist, die gewöhnlich mit der Tatsache einhergeht, daß beide Elternteile den Nachwuchs versorgen (…)

Wir stellen uns vor, daß für den Fall, daß sich die Paarbindung etabliert, zu größeren Gehirnen geführt und die kognitive Fähigkeit hervorgebracht hat, mit komplexen Verhältnissen (Relationen) umzugehen, es den Prima­ten gelungen ist, diese kognitiven Fähigkeiten dadurch auszunutzen, daß sie sie so verallgemeinerten, daß sie allen Mitgliedern der sozialen Gruppen zur Verfügung standen. (S. 249f)

So konnten mit dem größeren Gehirn, das in der Paarbindung entwickelt wurde, auch komplexere Sozialsysteme mit Freunden, also mit nicht reproduktiven Partnern bewältigt werden.

270

Je größer das Gehirn, genauer: der Neocortex (stammesgeschichtlich jüngster Teil der Großhirnrinde), bei einer Primatenart ist,

Machu Picchu, Peru
Machu Picchu, Peru


umso größer ist die Gruppe, in der diese Primatenart leben kann. Das heißt: die Größe des Gehirns ist abhängig von der Anzahl der sozialen Kontakte, die die Individuen dieser Art bewältigen. Dunbar schreibt weiter:

Das ihr zugrundeliegende Argument lautet, daß die gesuchte Erklärung in der Tatsache steckt, daß Primaten über komplexere soziale Systeme als andereDarüber hinaus haben weitergehende Analysen ergeben, daß eine Reihe von Verhaltensmustern, die besonders mit der sozialen Komplexität von Primaten assoziiert sind, ebenfalls mit der relativen Größe des Neocortex korreliert sind.

Dazu gehören die Größe der Grooming Clique (Grooming: gegenseitige Körper- bzw. Fellpflege), der Einsatz von alternativen Paarungsstrategien bei Männchen, der Rückgriff auf Koalitionen und Allianzen, das Manöver des taktischen Betrugs und die Qualität des sozialen Spielens. (S. 247f)

269

These 10

Das soziale Gehirn

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


Mit der Gehirngröße von Affen nimmt auch die mögliche Größe der sozialen Gruppe zu, da die Individuen mit den größeren Gehirnen soziale Beziehungen zu einer größeren Anzahl von Gruppenmitgliedern herstellen und pflegen können (Robin Dunbar).

Der Vorteil der größeren sozialen Gruppe und der Vorteil der größeren Kontaktfähigkeit führen zu einer Selektion der Individuen und der Gruppen mit den größeren Gehirnen. Die Selektion fördert das Gehirnwachstum, das wird von den Hominidenfossilien bestätigt.

Erläuterung:

Das Gehirn ist ein teures Organ, weil es viel Energie verbraucht, die von den Lebewesen beschafft werden muss. Warum hat es sich in der Evolution trotzdem ausgezahlt hat, in große Gehirne zu investieren?

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265

III.     Das Gehirn

These 9

Das teure Gehirn

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


Das Gehirn ist für ein Lebewesen ein sehr teures Organ, weil es sehr viel Energie verbraucht. Dennoch ist über die Säugetiere, die Primaten, die Affen, die Großaffen und schließlich die Hominiden bis zum Men­schen eine stete Zunahme der relativen Gehirn­größe zu beobachten.

Erläuterung:

Am Anfang sollen zwei Zahlen zum Energieverbrauch die Kosten des Gehirns deutlich machen: 1. Das Gehirn verbraucht rund 20 % der gesamtem im Körper verbrauchten Energie. 2. Mehr als 50 % der Energie, die der menschliche Fötus aufnimmt, werden zum Aufbau seines Gehirns verwendet.

Jetzt sollen drei Autoren, die sich im Zusammenhang der menschlichen Evolution zu den Kosten des Gehirns geäußert haben, zu Wort kommen. Robin Dunbar, von dem ich die erste Prozentzahl übernommen habe, schreibt:

Hirngewebe ist ungewöhnlich kostspielig, sowohl was das Wachsen als auch was die Instandhaltung angeht. Es benötigt ungefähr zehnmal mehr Energie, als man von seinem Gewicht her erwarten würde, und es ist das teuerste Gewebe nach dem des Herzens und der Leber.

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