134

5.9.11.
Der Tod von Jakobus und Simon, Fortsetzung 3: Hat Petrus überlebt? Hatte Lukas ein Motiv, um Petrus eine literari­sche Rettung

Ephesus, Tor
Ephesus, Tor

zuteil werden zu lassen? Ja, er brauchte des Petrus Anwesenheit beim Apostelkonzil in Jerusalem, Act 15,1ff.

Möglicherweise gab es zur Zeit des Lukas auch schon die Legende, dass Petrus nach Rom gekommen sei und dort den Märtyrertod erlitten habe.

In der Überlieferung, die Lukas vorfand, war vermutlich vom Tod des Petrus die Rede. Denn Lukas hat nur sehr schwache Zeugen für seine Variante, dass Petrus gerettet wurde.

Die Zweifel: Petrus selbst zweifelt, er glaubt an eine Vision anstelle der tatsächlichen Rettung. Die Gemeinde, zu der er kommt, zweifelt und öffnet zunächst das Eingangstor nicht, weil sie Petrus für einen Geist hält (sein Engel).

Die einzige Zeugin, die Lukas anführen kann, ist die Sklavin Rhode. Aber Frauen und Sklaven sind in der Antike bei Gericht schlechte Zeugen, weil man vermutet, dass sie stets zuguns­ten ihrer Männer bzw. ihrer Herren aussagen. Wenn Lukas diese Zeugin anführen muss, zeigt das, wie verzweifelt seine Lage in diesem Fall ist.

Nach dem Prinzip von Ockhams Rasiermesser ist die Version des Josephus die richtige, Petrus starb zusammen mit und auf die gleiche Weise wie Jakobus. Diese Argumentation wird auch dadurch gestützt, dass Lukas nach diesem Vorfall kein Erzählmaterial mehr über Petrus vorliegen hat, die Petrustradition bricht hier ab.

Und beim Apostelkonzil war nach dem Bericht des Paulus in Gal 2,9 nicht Petrus, sondern Kephas, der Nachfolger des Petrus als Leiter der Petruskirche, anwesend.

Ergebnis: Petrus wurde 46 n. Chr. zusammen mit Jakobus vom Statthalter Tiberius Alexander gekreuzigt.

133

5.9.10.
Der Tod von Jakobus und Simon, Fortsetzung 2: Die Art der Hinrich­tung: Meiner Meinung nach hat Josephus keinen Grund,

Ephesus, Bibliothek
Ephesus, Bibliothek

einen Sach­verhalt, der für ihn nicht besonders wichtig ist, zu verändern.

Warum nennt er Jakobus und Simon Söhne des Judas? Wie bereits gesagt, sind die Christen für Josephus Teil der jüdischen Aufstands­bewegung, die mit Judas, dem Galiläer begann, und in dem großen Aufstand gegen die Römer 66 – 70 enden sollte. Söhne meint ein­fach Anhänger, nicht etwa leibliche Söhne.

Die Bezeichnung Christen stand noch nicht zur Verfü­gung, denn nach Apg 11,26 wurden damals nur die Christen in Antiochien so genannt. Jakobus und Petrus waren auch nicht die Vertreter einer christlichen Gesamtkirche, sondern die Führer zweier getrennter Jesus-Bewe­gungen.

„133“ weiterlesen

132

5.9.9.
Der Tod von Jakobus und Simon, Fortsetzung 1: Der Sachverhalt: In Apg 11,28 und 12,1ff wird wie in Ant 20,5,2 eine Hungersnot

Ephesus, Palast
Ephesus, Palast

und darauf folgend die Hinrichtung eines Jakobus und eines Simon berichtet, die bei Josephus Söhne des Judas genannt werden, während in Apg 12,1ff Simon mit dem christlichen Namen Petrus bezeichnet wird.

Die Diffe­renz: Josephus berichtet die Kreuzigung durch den Statthalter Tiberius Ale­xan­der im Jahr 46, Lukas berichtet die Enthauptung durch den jüdischen König Agrippa I. im Jahr 44.

Ich sehe hier dasselbe Ereignis, das etwas verschieden über­liefert wird. Dafür spricht: Die Namen der Hingerichteten/ Eingeker­ker­ten sind identisch, die Situation ist iden­tisch: eine vorangegangene Hun­gersnot, man sollte an einen Hunger­aufstand denken, dessen An­­führer hinge­richtet wurden, die Zeit ist fast identisch.

096

5.2.21.
Warum bezieht sich der Bericht des Josephus über den samaritanischen Messias (Ant 18,4,1) auf Jesus? Welche Details der Erzählung

Jerusalem, Felsendom und Klagemauer
Jerusalem, Felsendom und Klagemauer

sind in den Evangelien und bei Josephus identisch? Welche Unterschiede gibt es? Wie sind sie zu erklären? Identisch sind der Römer Pilatus, der Aufruhr, die Hinrichtungsart Kreuzigung (ergibt sich bei Josephus aus dem Verurteilungsgrund Aufruhr).

Gleich sind auch: Die Schuld der Hingerichteten ist zweifelhaft (wird bei Jose­phus im Anschluss berichtet), der Zeitpunkt (ergibt sich bei Josephus aus dem Ende seiner Amtszeit), in den Evangelien ist der genaue Zeitpunkt nicht angegeben, der Zeitraum ergibt sich aus der Amtszeit des Pilatus.

„096“ weiterlesen

095

5.2.20.
Pontius Pilatus, der Präfekt von Judäa und Samarien, sah in dem Triumphzug Jesu einen antirömischen Aufruhr, zerstreute

Jerusalem, Felsendom und Klagemauer
Jerusalem, Felsendom und Klagemauer

die Volks­menge und ließ Jesus und die anderen Anführer 36 n. Chr. am heiligen Berg Garizim in Samarien kreuzigen. Josephus schreibt (Ant 18,4,1):

Unterdessen hatten auch die Samariter sich empört, aufgereizt von einem Menschen, der sich aus Lügen nichts machte und dem zur Erlangung der Volksgunst jedes Mittel recht war. …

„095“ weiterlesen

053

3.4.3.
Gleiche Bürgerrechte für alle Neubürger von Tiberias

Caesarea am Meer, Pilatus-Inschrift
Caesarea am Meer, Pilatus-Inschrift

werden bei Jo­sephus und in den Gleichnissen Jesu im Neuen Testament gleicher­maßen bezeugt, Ant 18,2,3; Mt 20,1-16; 22,1-14par.

3.4.4.
Das Herrschaftsmodell Jesu für Galiläa sah einen starken Monarchen vor und war übernational konzipiert, es gewährte Juden und Griechen, Angehörigen der sozialen Ober- und Unterschicht die gleichen Bürger­rechte.

042

2.5.3.
Herodes war eine militärische Machtentfaltung wegen der römischen Herrschaft versagt geblieben, die eingesparten Kosten

Samarra
Samarra

einer militäri­schen Aufrüstung und Kriegführung inves­tierte er in großartige Bauten in Jerusalem, Caesarea Maritima und anderen Orten in Palästina. Am bedeutendsten war die Errichtung des herodianischen Tempels mit einer Erweiterung des Tem­pel­plateaus in Jeru­salem.

2.5.4.
Herodes war ein absoluter Herrscher, außenpolitisch als Bundesgenosse an Rom gebunden, innenpolitisch souverän, sein Bild in der Geschichts­schreibung beginnt mit positiven Darstellungen des tatkräftigen Herr­schers bei Nikolaos von Damaskus, die als Abschrift im Jüdischen Krieg des Josephus teilweise erhalten sind (Bell 1,31-2,116).

Als sich in Rom der Wind drehte und Kaiser Nero als Tyrann erschien, wurde auch Hero­des bei Josephus (Jüdische Altertümer) und in Mt 2 als Gewalt­herrscher dargestellt.

026

1.5.13.
Konkret werden von Josephus Jesus, die Christen und die christliche Traditio­n in folgen­den Texten benannt:

Cheops-Pyramide, Reitkamel
Cheops-Pyramide, Reitkamel

1. Ant 18,4,1: der samaritanische Messias,
2. Ant 18,3,4: die Verführung der Paulina,
3. Ant 19,1,13: Theateraufführung in Rom in Anwesenheit des jüdischen Königs Agrippa I. am 24.1.41, dem Tag der Ermordung Kaiser Caligulas
3.1. Kreuzigung eines Fürsten (hegemon),

3.2. Pantomime: Die kinyrische Fabel mit dem Inzest von Myrrha und ihrem Vater Kinyras.
4. Ant 20,5,2: Der Statthalter Tiberius Alexander lässt Jakobus und Simon, die Söhne Judas‘ des Galiläers, kreuzigen.
5. Ant 18,2,3: die Besiedlung der Neugründung Tiberias.

Text Nr. 1 bezieht sich auf die Hinrichtung Jesu, Nr. 2 und 3.2. sind Polemiken gegen die christliche Überlieferung von der Jungfrauen­geburt, Nr. 3.1 ist eine frühe Aufführung der Kreuzigung Jesu als Theaterstück, Nr. 4 ist ein alternativer Bericht zu Act 12,1ff, Nr. 5 zeigt den historischen Kontext des Gleichnisses von großen Abendmahl, Mt 22,1-14; Lk 14,15-24.

025

1.5.12.
Josephus spricht nicht in dem uns ge­wohn­ten neutestamentlichen Vokabular über Jesus und die Urchristen, denn er war bekanntermaßen

Sinai, Beduinen, Reitkamele
Sinai, Beduinen, Reitkamele

kein Christ. Wenn man aber bei Josephus Notizen eines Gegners der Christen sucht, dann wird man fündig. Josephus polemisiert gegen Jesus und christliche Überlieferung in vielfacher Weise.

In den Jüdischen Altertümern (Ant) 18,1,1-6 berichtet Josephus über die Sekten der Juden, dabei hat man eine Erwäh­nung der Christen vermisst.

Die Christen fehlen aber nur scheinbar: Für Jose­phus bildeten die Christen einen Teil der Aufstandsbewegung Judas‘ des Galiläers und  müssen deshalb nicht extra erwähnt werden. Man vergleiche auch die Verleugnung Petri in Mk 14,66ff, wo Petrus in Vers 70 als Galiläer (=Jesusanhänger = Judasanhän­ger) identifiziert wird.

024

1.5.10.
Die traditionelle Erzählung über Flavius Josephus und seine Bedeutung als Quelle für Jesus und das Urchristentum geht so: Wenn Josephus

Theben West, Lastesel
Theben West, Lastesel

Kenntnis von Jesus und den Christen gehabt hätte, hätte er sie selbst­verständlich erwähnen müssen. Da er sie nicht erwähnt, war die Sekte der Christen offenbar so unbedeutend, dass er sie nicht kannte oder zumindest nicht für erwähnenswert hielt.

Das Testimonium Flavianum (Ant 18,3,3) wird zu Recht als christlicher Einschub bewertet. So bleiben als einzige historische Informationen über christliche Sachver­halte bei Josephus in Ant 20,9,1 die Erwähnung der Steinigung des Herren­bruders Jakobus und in Ant 18,5,2 der Bericht über Johannes den Täufer.

1.5.11.
Ich vertrete dazu folgende Meinung: Bereits unter Kaiser Claudius (41-54 n. Chr.) gab es das bekannte Edikt, dass der Kaiser die Juden aus Rom vertrieb, weil sie, durch einen gewissen Chrestos (=Christus) aufge­sta­chelt, Unruhe stifteten, Sueton, Claudius, 25,4, vgl. Apg 18,2. Jose­phus war, das darf man annehmen, in Rom gut vernetzt, und die römische Christen­gemein­de, der schon Paulus einen Brief gewidmet hatte, dürfte seiner Aufmerk­sam­keit nicht entgangen sein.