023

1.5.9.
Zur Zeit des Herodessohns Antipas, des Fürsten von Galiläa (4 v. – 39 n. Chr.), hatte sich die Situation gewan­delt. Antipas hatte

el Faijum, Lastesel
el Faijum, Lastesel

in Rom studiert und dort die Bedeutung schriftlich fixierter heiliger Texte kennen gelernt. Er hatte auch bei Dichterlesungen römische Dichter gehört und die Bedeutung der Dichtkunst für das Selbst­verständnis und das Selbst­bewusst­sein der Römer kennen gelernt.

Erst in der Zeit der Herrschaft des Antipas, der in seinem Fürstentum keinen dem Jerusalemer Tempel vergleichbaren Tempel besaß, wurde von Rom die Idee übernommen, in dichterischen Texten die große Vergangen­heit der Juden zu beschrei­ben, um den Juden eine kulturelle Identität auf der Basis einer natio­nalen Literatur zu geben.

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021

1.5.6.
Die traditionelle Erzählung über die Entstehung der alttestamentlichen Schriften geht so: Die Schriften des Alten Testaments wurden

Kairo, alte Synagoge
Kairo, alte Synagoge

in der Zeit der vorhellenistischen Königreiche Juda und Israel verfasst, in späterer Zeit ergänzt und lagen zur Zeit Jesu im Wesentlichen fertig vor. Parallelen zwischen der Geschichte Jesu und alttestamentlichen Text­stellen entstanden dadurch, dass die Verfasser der neutestament­lichen Schriften die Messias-Weissagungen des Alten Testaments auf Jesus bezogen.

1.5.7.
Ich vertrete folgende Meinung: Bis zur Zeit des Königs Herodes (40-4 v. Chr.) wurden im Judentum heilige Texte, denen man auch eine magi­sche Wirkung zuschrieb, nur mündlich überliefert, damit sie nicht Ge­fahr liefen, in falsche Hände zu geraten und missbraucht zu werden. Die Juden hielten es wie die schriftlosen Kelten, von denen Caesar dieselbe Einstellung berich­tet, Bell Gall VI 14.

Aber auch die viel­ schrei­benden Griechen hielten sich zurück, wenn es um die Verschriftung heiliger Texte ging. Dazu schreibt Roland Baumgarten (Heiliges Wort und Heilige Schrift bei den Griechen, 1998, S. 223f):

Es ist kein umfassendes Bemühen der Griechen erkennbar, tatsächlich altes religiöses Traditionsgut zu verschriften. Die eingeübte und bewährte Kult­praxis scheint sich gegenüber dem Eindringen von Schriftlichkeit als weit­gehend resistent erwiesen zu haben.

Dass die Juden heilige Texte nicht schriftlich fixierten, war also keine jüdische Besonderheit, sondern folgte einem antiken Muster.