263

These 8

Die biologischen Ursachen

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


Die erste Aufgabe besteht darin, die biologischen Mechanismen zu be­schrei­ben, die zur Entstehung des menschlichen Gehirns führten. Es  sind also die biologischen Ursachen für die Entwicklung des mensch­lichen Gehirns, des Gehirnwachstums und des Endes des Gehirn­wachstums vor Beginn der Kulturleistungen des homo sapiens darzu­legen.

Die zweite Aufgabe besteht darin zu beschreiben, wie das bereits vorhandene menschliche Gehirn durch einen Funktionswechsel zur biologischen Basis des Geistes werden konnte.

Erläuterung:

Wenn ich bei einem Gegenstand die Einzelheiten nicht gut genug erkenne, nehme ich eine Lupe zu Hilfe, will ich noch mehr Details oder Material­strukturen erkennen, benutze ich ein Mikroskop. Will ich einen Sachverhalt wissenschaftlich erforschen, dann besteht eine Methode darin, den Sachverhalt in viele kleine Problemfelder aufzugliedern, die jeweils einzeln untersucht werden. Am Ende werden die Lösungen wieder zusammengefasst.

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252

Wie eine Funktionsverschiebung funktioniert, beschreibt Mayr anschlie­ßend wie folgt:

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989

Während einer solchen Funktionsverschiebung durchläuft eine Struktur immer eine Phase, in der sie gleichzeitig zwei Funktionen ausüben kann, wie die Antennen von Daphnia, die gleichzeitig Sinnesorgan und Schwimmruder sind. Diese Dualität der Funktion ist möglich, weil der Genotyp ein höchst komplexes System ist, das immer auch gewisse Aspekte des Phänotyps produziert, die nicht unmittelbar durch die Auslese gefördert werden, sondern einfach "Nebenprodukte" des von der Selektion begünstigten Genotyps sind.


Solche Nebenprodukte stehen dann für den Erwerb von neuen Funktionen zur Verfügung. Sie sind es, die es den vorderen Gliedmaßen (mit einer Flughaut) eines Tetrapoden gestatten, als Flügel zu fungieren, oder der Lunge eines Fisches, als Schwimmblase. Es gibt im Phänotyp jedes Organismus zahlreiche "neutrale Aspekte", die von der natürlichen Auslese "zugelassen", d. h. nicht beseitigt werden, die aber auch nicht spezifisch durch sie begünstigt worden sind.

Derartige Komponenten des Phänotyps stehen zur Übernahme neuer Funktionen zur Verfügung. Verschiebungen in der Funktion sind auch von Makromolekülen und Verhaltensmustern bekannt, zum Beispiel, wenn bei bestimmten Enten das Gefiederputzen zu einem Teil des Werbeverhaltens wird.
(Mayr 2002, S.491

Über die Intensivierung der Funktion eines vorhandenen Organs schreibt Mayr weiter:

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251

These 4

Evolutive Neuheiten

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


Evolutive Neuheiten entstehen nach Darwin und Mayr durch eine Funktionsverschiebung vorhandener Organe, die dabei gleichzeitig zwei Funktionen ausüben können, nicht aber durch die selektive Begünsti­gung eines neuen, noch nicht funktions­fähigen Organs.

Erläuterung:

Nach der Theorie von Charles Darwin vollziehen sich die evolutionären Veränderungen in sehr kleinen Schritten.

Nach dem Vorbild des Gradualismus in der Geologie, wo mehrere Kilometer hohe Gebirge in Millimeter-Schritten aufgefaltet werden und der heute Hunderte von Kilometern breite Atlantische Ozean sich infolge der Platten­verschie­bung jährlich nur wenige Zentimeter öffnet, erfolgt die Evolution von Lebewesen in denkbar kleinen Schritten von einer Generation zur nächsten.

Bei der Veränderung der Größe, der Farbe und anderer Merk­male, die einen fließenden Übergang gestatten, bietet die Vorstellung der allmählichen Änderung keine Schwierigkeiten. Aber wie sieht es aus, wenn aus dem Fisch plötzlich ein Landtier wird, wo kommen plötzlich die Beine zur Fortbewegung, die Lunge zum Atmen, die nicht austrocknende Haut her?

Wenn ein kleiner Raubsaurier zum Vogel wird, woher hat er plötzlich federbewehrte Flügel, um sich in die Lüfte zu erheben?

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