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Wie um 1900 die Physikalisten und die Vitalisten um die Interpre­ta­tions­hoheit biologischer Phänomene stritten,

Bahnfahrt zum Titicaca-See, Peru
Bahnfahrt zum Titicaca-See, Peru


so wird heute über die Entstehung geistiger Phänomene gestritten. Wie um 1900 die Physik, so wird heute die Biologie auf Grund ihrer Erfolge als exakte Natur­wissenschaft höher geachtet als die häufig zerstrittenen Sozial- bzw. Geisteswissenschaften.

Wie um 1900 die Physik, so ist heute die Biologie die Leitwissenschaft. Aber wie die Physikalisten um 1900, so scheitern die Biologisten heute bei der Beschreibung der komplexeren Existenz­stufe, weil sie die mit der neuen Komplexität verbundene Emergenz nicht in ihr Kalkül einbeziehen.

Das biologische Theoriensystem ist für die Beschreibung der geistigen Phänomene nur bedingt geeignet.

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Die Lösung bot die Idee der Emergenz.

Puno, Peru
Puno, Peru


Zum Begriff schreibt Ernst Mayr:

Systeme haben fast immer die Besonderheit, daß sich die Eigenschaften des Ganzen nicht (und zwar nicht einmal in der Theorie) aus einer auch noch so vollständigen Kenntnis der Bestandteile, einzeln genommen oder in anderen Teilkombinationen, ableiten lassen.

Man bezeichnet dieses Auftreten neuer Eigenschaften in einem Ganzen als Emergenz und zieht diesen Begriff häufig bei dem Versuch heran, so schwierige Phänomene wie Leben, Geist und Bewußtsein zu erklären. Tatsächlich ist die Emergenz für inorganische Systeme nicht weniger charakteristisch.
(Mayr 2002, S. 52)

Biologische Organismen sind komplexe Systeme mit neuen Eigen­schaften, die ein neues Regelwerk erfordern, nämlich eine eigenständige biologische Theorie. Achim Stephan nennt in seinem Buch über die Emergenz (Paderborn, 3. Aufl. 2007) vier Merkmale emergentistischer Theorien (S. 14 – 25):

1. Naturalismus: nur natürliche Faktoren spielen in der Evolution eine Rolle,
2. Neuartigkeit: es entsteht etwas genuin Neuartiges,
3. Systemische Eigenschaften,
4. Hierarchie der Existenzstufen: insbesondere die Bereiche des Mate­riel­len, des Biologischen und des Geistigen.

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These 20

Emergenz

Altstadt Quito, Ecuador
Altstadt Quito, Ecuador


Mit dem Netz wird eine neue, über die biologische Sphäre hinaus­gehende Existenz­stufe mög­lich (Emergenz).

So wie biologische Sach­verhalte nicht ange­mes­sen mit den Theorien der Physik beschrieben werden können, so können geistige bzw. kultu­relle Sachverhalte nicht ange­messen mit dem Regelwerk der Biologie be­schrie­ben werden.

Erläuterung:

Am Ende des 19. Jahrhunderts gab es in der Erklärung biologischer Phänomene einen Konflikt zwischen Physikalisten, die alle biologischen Phänomene mit den hoch angesehenen Theorien der Physik beschrei­ben wollten, und den Vitalisten, die auf die Unzulänglichkeit physika­lischer Theorien bei der Beschreibung biologischer Vorgänge hinwiesen und die Idee einer empfindenden Seele der Organismen ins Spiel brach­ten, die aber dem vorherrschenden naturalistischen Prinzip wider­sprach.

Weder die Physikalisten noch die Vitalisten konnten sich am Ende durchsetzen. Die Vitalisten scheiterten an ihrem nichtnaturalis­tischen Ansatz. Aber auch die Physikalisten konnten die biologischen Phäno­mene nicht adäquat beschreiben. Da es sich bei den biologischen Orga­nismen um sehr komplexe Systeme handelte, die neue Eigen­schaften hervorbrachten, waren die Theorien der Physik nur bedingt anwendbar.

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Hier muss ich den Begriff Emergenz einführen.

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


Komplexe Systeme lassen sich nicht mit der Beschreibung ihrer Teile erklären. Auch die noch so genaue Kenntnis der Einzelteile kann nicht zum Verständnis des Systems führen. Dieses Phänomen nennt man Emergenz, d. h. das Auftreten neuer Eigenschaften, die sich nicht aus den Eigenschaften der Teilsysteme ergeben.

Eine große Bedeutung hat die Emergenz bei der Frage gespielt, ob man biologische Systeme, z. B. die Zelle, mit dem Theoriegebäude der Physik oder der Chemie erklären kann. Die Antwort: So wichtig das Verständnis physikalischer und chemischer Vorgänge in der Zelle für das Gesamtverständnis auch ist, kann es doch allein das biologische System Zelle nicht erklären.

In der Zelle gibt es emergente biologische Eigenschaften, die nur mit dem Theoriegebäude der Biologie erklärbar sind. Das gleiche gilt auch für Geist und Kultur des Menschen; es handelt sich beim Menschen und seiner Kultur um ein hoch komplexes System mit gegenüber seinen biologischen Teilen emergenten Eigenschaften.

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