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31. Oktober 2017 = 500 Jahre Luthers Thesenanschlag

5.15.4.
Deshalb wurden die Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und

Istanbul, Hagia Sophia, Christus
Istanbul, Hagia Sophia, Christus

Johannes aufgenommen, dazu die Apostelgeschichte des Lukas, die Offenbarung des Johannes und die Briefsammlungen der Einzelkirchen.

5.15.5.
Der echte Brief des Paulus an Philemon und der unechte 3. Johannes­brief gehörten und gehören in den Kanon, weil sie die Einheit der Gesamtkirche in sozialer Hinsicht (Philemon) und in Glaubensfragen (3. Johannes) betonen.

5.15.6.
Die Beiträge der vier Apostelkirchen zum Kanon:

Einzelkirche  Evang., Apg.    Briefe                          Offenbarung   

Jakobus          Matthäus            Jakobus, Judas         –

Johannes        Johannes            1-3 Johannes           Johannes

Petrus             Markus               1-2 Petrus                 –

Paulus            Lukas, Apos-     Paulus-Briefe           –
                        telgeschichte     Hebräer                                           

Die Bibel kann so spannend sein, wenn wir sie neugierig erkunden können, an­statt der päpstlichen Auslegung zu folgen. Martin Luther 1520 (An den christlichen Adel…): Nicht die (Papst-) Kirche allein mit ihren Priestern und Professoren, nein, alle Christen, auch die Laien sollen die Bibel auslegen!

 Ich widerrufe nicht, sagte Martin Luther am 18. April 1520 auf dem Reichstag zu Worms, es sei denn, ich werde durch die Heilige Schrift oder durch die Vernunft widerlegt.

Das philosophische Denken, schrieb am 14. September 1998 in der Enzyklika FIDES ET RATIO (Absatz 104) Papst Johannes Paul II., ist oft das einzige Terrain für Verständigung und Dialog mit denen, die unseren Glauben nicht teilen.

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V  15   Der Kanon des Neuen Testaments

5.15.1.
Die herrschende Meistererzählung über die Entstehung des neutesta­ment­lichen Kanons geht so: In der 1. Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr.

Istanbul, Hagia Sophia, Christus
Istanbul, Hagia Sophia, Christus

waren in den christlichen Gemeinden so viele Evangelien und Apostel­briefe im Umlauf, dass die Gemeinden die Spreu vom Weizen trennen mussten.

In den Kanon der für die christliche Religion maßgeblichen Schriften nahmen sie nur Schriften auf, die ihrer Ansicht nach einen der zwölf Apostel oder den Apostel Paulus als Autor hatten oder von einem der Apostel autorisiert waren wie z. B. das Lukasevangelium des Paulus­begleiters Lukas (Kol 4,14; 2 Tim 4,11; Phlm 24) vom Apostel Paulus.

5.15.2.
Die neuen Thesen über die Entstehung des neutesta­ment­lichen Kanons:

Der neutestamentliche Kanon wurde aus Schriften der drei palästinensi­schen Apostelkirchen des Jakobus, des Johannes und des Petrus und der heidenchristlichen Pauluskirche zusam­mengestellt.

5.15.3.
Kriterium der Aufnahme in den Kanon war die Ausgewogenheit der Herkunft aus den Teilkirchen und das Eintreten der Schriften für die Einheit der Kirche.

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5.14.6.
Das Markus-Evangelium ist das Gründungsdokument der vereinigten christlichen Kirche, es hatte von Anfang an

Istanbul, Hagia Sophia, Maria
Istanbul, Hagia Sophia, Maria

kanonischen Rang. Dazu werden im Markus-Evangelium die Führer der drei Einzelkirchen, Jakobus, Johannes und Petrus, gemeinsam zu Zeugen der zentralen Glaubensaussagen aller drei Einzelkirchen:

Die zentralen Glaubensaussagen sind:

1. Mk 5,37, Tochter des Jairus: Auferstehung (Johanneskirche),
2. Mk 9,2, Verklärung: Verherrlichung (Petrus­kirche),
3. Mk 14,33, Gethsemane: Leiden (Jakobuskirche). „152“ weiterlesen

151

5.14.4.
Der Verfasser des Markus-Evangeliums hat Jesus-Überliefe­rungen

Istanbul, theodosianische Landmauer, Tor
Istanbul, theodosianische Landmauer, Tor

der Jesus-Gruppierungen des Jakobus, des Johannes und des Petrus übernommen. Siehe dazu im Einzelnen Johannes Neumann, War Markus ein Dichter? in: ders.: War Jesus Statthalter von Galiläa?, S. 43-92, hier S. 51-62.

5.14.5.
Die von den Evangelisten verwendeten Jesus-Überliefe­rungen aus Galiläa gehen zurück auf mündliche Überlieferungen, die in den Einzelkirchen tradiert wurden. Die Jesus-Überliefe­rungen aus Jerusalem beru­hen auf Deutungen des Todes Jesu durch die Einzelkirchen und deren kultischer Verwendung.

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5.9.12.
Kephas, der spätere Leiter der Petrus-Kirche, ist nicht identisch mit Simon Petrus. Am Apostelkonzil hat nicht Petrus, sondern

Ephesus, Göttin
Ephesus, Göttin

Kephas teil­genom­men. Paulus hat nicht Petrus, sondern nur noch Kephas persön­lich kennen gelernt. Paulus unterscheidet in Gal 1f genau zwischen dem Judenapostel Petrus und dem Kephas, einer der drei Säulen Gal 2,9), dem er persönlich begegnet war.

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5.9.11.
Der Tod von Jakobus und Simon, Fortsetzung 3: Hat Petrus überlebt? Hatte Lukas ein Motiv, um Petrus eine literari­sche Rettung

Ephesus, Tor
Ephesus, Tor

zuteil werden zu lassen? Ja, er brauchte des Petrus Anwesenheit beim Apostelkonzil in Jerusalem, Act 15,1ff.

Möglicherweise gab es zur Zeit des Lukas auch schon die Legende, dass Petrus nach Rom gekommen sei und dort den Märtyrertod erlitten habe.

In der Überlieferung, die Lukas vorfand, war vermutlich vom Tod des Petrus die Rede. Denn Lukas hat nur sehr schwache Zeugen für seine Variante, dass Petrus gerettet wurde.

Die Zweifel: Petrus selbst zweifelt, er glaubt an eine Vision anstelle der tatsächlichen Rettung. Die Gemeinde, zu der er kommt, zweifelt und öffnet zunächst das Eingangstor nicht, weil sie Petrus für einen Geist hält (sein Engel).

Die einzige Zeugin, die Lukas anführen kann, ist die Sklavin Rhode. Aber Frauen und Sklaven sind in der Antike bei Gericht schlechte Zeugen, weil man vermutet, dass sie stets zuguns­ten ihrer Männer bzw. ihrer Herren aussagen. Wenn Lukas diese Zeugin anführen muss, zeigt das, wie verzweifelt seine Lage in diesem Fall ist.

Nach dem Prinzip von Ockhams Rasiermesser ist die Version des Josephus die richtige, Petrus starb zusammen mit und auf die gleiche Weise wie Jakobus. Diese Argumentation wird auch dadurch gestützt, dass Lukas nach diesem Vorfall kein Erzählmaterial mehr über Petrus vorliegen hat, die Petrustradition bricht hier ab.

Und beim Apostelkonzil war nach dem Bericht des Paulus in Gal 2,9 nicht Petrus, sondern Kephas, der Nachfolger des Petrus als Leiter der Petruskirche, anwesend.

Ergebnis: Petrus wurde 46 n. Chr. zusammen mit Jakobus vom Statthalter Tiberius Alexander gekreuzigt.

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5.9.8.
Simon Petrus wurde 46 n. Chr. zusammen mit Jakobus von dem Statt­halter  Tiberius Alexander gekreuzigt.

Ephesus, Flaniermeile
Ephesus, Flaniermeile

Die Apg berichtet in 12,1ff, dass nur Jakobus hingerichtet worden sei und Petrus überlebt habe. Dem steht der Bericht des Josephus in Ant 20,5,2 gegenüber, wonach Jakobus und Simon hingerichtet wurden.

Alexander liess auch Jakobus und Simon, die Söhne des Galiläers Judas … ans Kreuz schlagen.

Dabei ergeben sich mehrere Fragen. 1. Wird derselbe Sachverhalt be­rich­­tet? 2. Wann und von wem wurde welche Todesstrafe verhängt? 3. Hat Petrus überlebt? Ich gehe davon aus, das die einfachste Erklärung die richtige ist. Die Antworten folgen mit den nächsten Thesen.