330

Die Apostelkirchen brachten die ganze Bandbreite der antiken Volksreligionen mit in das Christentum ein.

Vulkan Pichincha, Kraterboden
Vulkan Pichincha, Kraterboden

Die Täufer kamen von den Mysterienkulten her, die Petruskirche hatte einen Hang zur Gnosis und zur Astrologie, die Bezeichnung Fischer nennt nicht den Beruf des Petrus, sondern seine Erwartung, das Reich Gottes würde mit der astrologische Ära der Fische beginnen.

Das Fischzeichen wurde noch vor dem Kreuz­symbol zum christlichen Erkennungsmerkmal im Alter­tum.

Die christ­lichen Frauengruppen, die sich nach der berühmten jüdi­schen Alche­mistin des Altertums häufig Maria nannten, brachten alchemis­tisch-mysti­sche Vorstellungen in das Christen­tum ein.

329

11.     Jünger, Apostelkirchen und Paulus

Jesus hat keine Kirche gegründet und keine Jünger berufen. Erst nach seinem Tod

Vulkan Pichincha, Kraterboden
Vulkan Pichincha, Kraterboden

bildeten sich religiöse Gemein­schaften, deren Führer sich auf Jesus beriefen und sein Werk als seine Nachfolger vollenden wollten. Diese Gemeinschaften, ich nenne sie Apostelkirchen im Unterschied zur späteren Gesamt­kirche, standen in Konkurrenz zuein­ander.

Die wichtigsten Teil­kirchen waren die Täuferchristen der Johanneskirche, die zu den Jüngern Johannes des Täufers in besonderer Verbindung standen, die judenchristliche Jakobus­kirche, die sich von den Nachfolgern des romfeindlichen Judas des Galiläers abgrenzen musste, und die Geistkirche des Simon Petrus, die mit den Gnos­ti­kern des Simon Magus konkurrierte.

Als erster bemühte sich Paulus um die Einheit der Kirche und die Überwindung der Spaltungen, nicht nur zwischen Juden- und Heidenchristen, sondern auch zwischen verschie­denen anderen Gruppen. Für Paulus waren nicht die Apostel, sondern allein Jesus und der Glaube an ihn wichtig.

328

Im Urchristentum findet mit dem Ende des Jüdischen Krieges 70 n. Chr. die Epoche der geistbegabten, gott­unmittel­baren Apostel ihren Abschluss.

Vulkan Pichincha, Kraterboden
Vulkan Pichincha, Kraterboden

Die Autorität in der christlichen Kirche geht auf die Ortsgemeinden und ihre Ältesten über. Die Zeit Jesu und der Apostel wird als eine abgeschlossene Zeit­epoche angesehen, mit deren Helden sich die Christen nach 70 n. Chr. nicht mehr vergleichen können und nicht mehr vergleichen wollen.

Ähnlich wie in Rom findet eine Würdigung der vergangenen Zeit und eine Neubesin­nung statt. Die Evan­gelien und die Apostelgeschichte fragen nach der Bedeutung Jesu und der Apostel, nach dem Sinn des Untergangs Jeru­sa­lems.

Als Deutungsmuster verwenden sie dabei auch die gro­ßen Epen der heidnischen Antike. Bei der Neubestim­mung der christlichen Identität wird die jüdische Kultur mit den Schrif­ten des Alten Testaments – jetzt für alle Christen verbind­lich – als Vorgängerkultur anerkannt.

Das Sche­ma, nach dem die beiden Kulturen verbunden werden, ist das bekannte Schema: Verhei­ßung im Alten Testament, Erfül­lung im Neuen Testament.