151

5.14.4.
Der Verfasser des Markus-Evangeliums hat Jesus-Überliefe­rungen

Istanbul, theodosianische Landmauer, Tor
Istanbul, theodosianische Landmauer, Tor

der Jesus-Gruppierungen des Jakobus, des Johannes und des Petrus übernommen. Siehe dazu im Einzelnen Johannes Neumann, War Markus ein Dichter? in: ders.: War Jesus Statthalter von Galiläa?, S. 43-92, hier S. 51-62.

5.14.5.
Die von den Evangelisten verwendeten Jesus-Überliefe­rungen aus Galiläa gehen zurück auf mündliche Überlieferungen, die in den Einzelkirchen tradiert wurden. Die Jesus-Überliefe­rungen aus Jerusalem beru­hen auf Deutungen des Todes Jesu durch die Einzelkirchen und deren kultischer Verwendung.

149

5.13.7.
In der jüdischen Deutung wurde Jesu Opfer mit dem Opfern der Pas­sah­­lämmer verglichen: im Johannes-Evangelium

Athen, Mosaik: Madonna
Athen, Mosaik: Madonna

stirbt Jesus zur Zeit der Opferung der Passah-Lämmer, als Passah-Lamm, vgl. Paulus in 1 Kor 5,7.

5.13.8.
In einer anderen jüdischen Deutung, bei den Synoptikern, setzte Jesus das Abendmahl als Gedächtnismahl für seinen Tod ein, und zwar in Form des Passahmahls.

Auch hier wird die Parallele vom Tod Jesu zum Tod des Passahlamms gezogen, das Mahl selbst wird scheinbar als Gedächt­­nis­mahl begangen, obwohl die Deuteworte zurückverweisen auf die Selbstopferung der Gottheit, der Jesus nach Joh 1,1ff angehört.

147

5.13.3.
Wer in der Antike an einem gewaltsamen Aufstand teilnahm und die Repräsentanten der öffentlichen Ordnung dabei töten wollte, hatte,

Patmos, Johanneskloster, Mönche
Patmos, Johanneskloster, Mönche

wenn der Aufstand scheiterte, sein Leben verwirkt. Insofern waren alle Teilnehmer des Jesus-Aufstands des Todes schuldig, als Pilatus sie besiegt hatte.

Pilatus kreuzigte aber nur Jesus und wenige andere Anführer, die meisten einfachen Teilnehmer konnten in ihre Heimat zurückkehren. Jesus ist deshalb (zusammen mit den anderen Anfüh­rern) tatsächlich stellvertretend für die vielen Mitläufer gestorben.

Am Anfang des Bekenntnisses für uns gestorben steht diese historische Erfahrung der Teilnehmer des Jesus-Zuges.

5.13.4.
Diese Erfahrung des tatsächlichen stellvertretenden Todes des adeligen und deshalb gottgleichen Jesus wurde in den urchristlichen Gruppen verschieden gedeutet. Es gab die persische Deutung der Selbstopferung Gottes, wie sie im Mithras-Kult begegnet.

Diese Deutung wurde ausge­drückt in den Deuteworten des Abendmahls in Mt 26,26-28par: dies ist mein Leib, dies ist mein Blut.

5.13.5.
Paulus und seine Tradition formulierten das ähnlich: Christus ist für uns, für unsere Sünden gestorben, Röm 5,6.8; 1 Kor 15,3.

146

V  13   Der Mythos vom Selbstopfer Christi

 5.13.1.
Die herrschende Erzählung über die Entstehung des christlichen Mythos vom Opfer Christi lässt sich so zusammenfassen: In der

Patmos, Johanneskloster, Besucher
Patmos, Johanneskloster, Besucher

Ge­schichte sind immer wieder religiöse Genies aufgetreten, die den Menschen den Willen Gottes verkündeten: zum Beispiel in alten Israel der Gesetzgeber Mose und die Propheten.

Zur Zeitenwende trat Jesus von Nazareth auf und verkündete das Reich Gottes. Die Men­schen spürten die religiöse Kraft und die göttliche Weisheit in der Verkündi­gung Jesu und formulierten in den mythischen Vorstellungen ihrer Zeit, in denen sie befangen waren, die Idee, Jesus sei ein Gottessohn.

Als Jesus am Kreuz starb, glaubten sie, Gott habe den Gottessohn Jesus für ihre Sünden geopfert, so wie die Juden Passahlämmer für ihre Sünden opferten.

5.13.2.
Zur Entstehung des christlichen Mythos vertrete ich die folgenden The­sen: Jesus war als Stellvertreter des Fürsten Antipas für die einfachen Menschen eine gottgleiche Person. Man vergleiche dazu die Aussage Phil 2,6: Jesus, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein.

Die göttliche Gestalt und die Gottgleichheit Jesu sind nicht angemaßt, sie sind nicht nur Glaube der Gemeinde, sie sind zuallererst die Beschreibung einer sozialen Realität, einer sozialen Schicht, des Adels. Dieser sozialen Schicht gehörte Je­sus kraft Geburt und kraft des Amtes, das er als Statthalter ausübte, an.

139

5.11.8.
Joseph ist nicht der Name des Vaters Jesu, Mk 6,1ff kennt keinen

Ephesus, Säulenallee
Ephesus, Säulenallee

Vatersnamen Jesu, sondern nur den Namen der Mutter Maria. Der Name des Vaters taucht zuerst in den spät entstandenen Geburts­legenden in Mt 1f und Lk 1f auf.

5.11.9.
Woher kommt der Name Joseph für den Vater Jesu? Im Neuen Testament werden Vaterfiguren häufig Joseph genannt: Neben dem Vater Jesu sind hier zu nennen: Joseph von Arimathäa (Mt 27,57) und Joseph aus Zypern, genannt Barnabas, ein früher Heidenapostel (Apg 4,36).

Vielleicht gehört auch Joseph Barsabbas, der von den Aposteln ausgewählte Kandidat für den 12. Apostel, der die Stelle des Judas einnehmen sollte, dazu (Apg 1,22).

5.11.10.
Josephus, der Jesus als samaritanischen Pseudo-Messias beschreibt, spottet über den Vatersnamen Jesu so: Wenn es den Juden gutgeht, nennen sich die Samaritaner Söhne Josephs, wenn nicht, sagen sie, sie stammten von Ausländern ab, Ant 9,14,3.

126

5.6.7.
Außerhalb des jüdischen Umfelds fiel die politische Botschaft nicht auf fruchtbaren Boden, und die christliche Verkündigung wurde eine

Troja, römisches Theater
Troja, römisches Theater

rein reli­giöse und private Angelegenheit, eine Sache der persönlichen Lebens­führung. Die Apostel außerhalb der jüdischen Umgebung entwi­ckel­ten keinen Ehrgeiz, Jesus als Messias nachzufolgen.

5.6.8.
Die  verschiedenen Jüngerlisten  sind späte Konzepte, die in die Früh­zeit zurückdatiert wurden. Dazu gehören die zwölf Jünger Jesu (Mk 3,13ff) – mit wechselnden Namen, aber stets angeführt von Petrus, Jakobus und  Johannes – als Liste der Petruskirche und später der Gesamtkirche – entsprechend den zwölf Stämmen Israels bzw. den zwölf Tierkreiszeichen der Ekliptik.

Weitere Jüngerlisten sind der Stephanuskreis (Apg 6,5) als Jüngerliste der Johanneskirche mit sieben Mitgliedern entsprechend den sieben Planeten und die Brüder Jesu in Mk 6,3, die eine frühe Jüngerliste der Jakobuskirche darstel­len. In Apg 13,1 scheint Lukas eine gute Quelle mit den Ältesten von Antiochia zu zitieren. Fraglich ist aber die ursprüngliche Zugehörigkeit des Saulus/ Paulus zu dieser Gruppe.

125

5.6.5.
Die großen Jünger Jakobus, Johannes, Petrus und Judas bildeten

Troja, Ausgrabung
Troja, Ausgrabung

Jesus-Gruppierungen innerhalb ihrer Ursprungsbewegungen Juden­tum, Täufer, Gnosis und Aufständische.

Die Jesus-Gruppierungen verbanden sich später zum Urchristentum, die Ursprungsbewegungen Juden­tum, Täufersekte, Gnosis und Aufständische blieben selbständig.

5.6.6.
In jüdischer Umgebung bildeten die Jünger politische Bewegungen, die sich nur lose zum Urchristentum verbanden und selbständig Mission auch außerhalb des jüdischen Umfelds betrieben.