314

4.       Arbeitssuchend

Als Herodes schwer erkrankte, wurden die Studien der Judäer

Vulkan Pichincha, Aufstieg zum Kraterrand
Vulkan Pichincha, Aufstieg zum Kraterrand

abrupt beendet. Ende 5 oder Anfang 4 v. Chr. reisten die Prinzen und Jesus mit ihnen nach Judäa. Das Jahr 7 v. Chr., als die große Konjunktion von Jupiter und Saturn den Astrologen in Judäa einen Herrschaftswechsel ankündigte, hatten sie glück­licher­weise in Rom verbracht und waren so dem Misstrauen des alternden Herodes entgangen.

Zwei Halbbrüder der Prinzen, die Mariamnesöhne Alexander und Aristobul, hatte Herodes im Jahr 7 v. Chr. aus fadenscheinigen Gründen hinrichten lassen. Im Matthäus­evangelium erscheint dieses Ereignis als der Kinder­mord von Bethlehem, dem Jesus entgeht, weil er sich in Ägypten (=Rom) aufhält.

313

3.  Die Chronologie

1.  Nach Johannes 2,20 und 8,57 war Jesus nach 46 Jahren Bau­zeit des Tempels, also 27 n. Chr.

Vulkan Pichincha, Aufstieg zum Kraterrand
Vulkan Pichincha, Aufstieg zum Kraterrand

etwa 50 Jahre alt. Er wurde also ca. 24/23 v. Chr. geboren. Das passt zu den Anga­ben, dass Jesus unter der Herrschaft des Kaisers Augustus (Lukas 2,1ff) und des jüdischen Königs Herodes des Großen (Matthäus 2,1ff, Lukas 1,5) geboren wurde. Augustus regierte von 31 v. Chr. bis 14 n. Chr., Herodes von 37 bis 4 v. Chr.

2.  Das hohe politische Amt, das Jesus nach der Versuchungs­geschichte (Matthäus 4,8f, Lukas 4,5-7) angeboten wurde, war das Amt des Statthalters des Herodes Antipas in Galiläa.

Jesus übernahm das Amt im Jahr 6 n. Chr., er war damals 30jährig und bekleidete sein erstes öffentliches Amt (Lukas 3,23). 6 n. Chr. war das Krisenjahr der Herodessöhne, damals wurde Archelaos, der Bruder des Antipas, von Augus­tus in Jerusalem abgesetzt und verbannt.

312

Nach Josephus, Altertümer 17,1,3 wurden Archelaos, Antipas und Philippus um das Jahr 9 v. Chr.

Vulkan Pichincha, 4794 m, Ecuador
Vulkan Pichincha, 4794 m, Ecuador

zur weiteren Aus­bildung nach Rom gesandt, wo sie bei einem Privatmann, möglicherweise bei Asinius Pollio, Quartier nahmen.

 Jesus wurde mit den Prinzen nach Rom geschickt und absolvierte die gleiche Ausbildung. Herodes und seine Söhne brauchten tüchtige Ver­wal­tungsfachleute und Diplomaten, die dem Königs­haus treu ergeben waren.

Für die Römer war es wichtig, Angehörige der Eliten der unterworfenen Völker auszubilden, die in ihren Hei­mat­ländern römische Herr­schafts­prinzipien vermit­teln konnten.

Die Aus­bildung bestand in den artes liberales, den Studien, die den Freien anstanden, weil sie keine schwere Handarbeit erfor­derten: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arith­metik, Geometrie, Astro­nomie (und Astrologie), Musiktheorie. Unterrichts­sprache war Latein

311

2.       Kindheit, Ausbildung

Jesus wurde ca. 24/23 v. Chr. geboren und erhielt eine typisch aristokratische Erziehung,

Vulkan Cotopaxi 5897 m, Ecuador
Vulkan Cotopaxi 5897 m, Ecuador

bis zu seinem 7. Lebensjahr befand er sich im Frauenhaus in der Obhut seiner Mutter und ihrer Dienerinnen und wurde zusammen mit Ge­schwis­tern und anderen Kindern betreut.

Im Alter von 7 Jahren begann für ihn die Elementar­schule in Gestalt der Schule der königlichen Prinzen, wo er mit Antipas, anderen Prinzen und Aristokraten­söhnen und dem späteren christlichen Presbyter Manaen (Apostelgeschichte 13,1) erzogen wurde.

Während im Hause der Mutter Aramäisch und Griechisch gesprochen wurde, fand der Schulunterricht nur in griechischer Sprache statt. Fächer waren das Rezitieren Homers und anderer Klassiker, Lesen und Schreiben, Rechnen, Geometrie, Musizieren, Turnen.

310

4.         Die zeitliche Nähe zum sogenannten samaritanischen Messias

Oldtimerbus, Quito, Ecuador
Oldtimerbus, Quito, Ecuador

(Josephus, Altertümer 18, 4, 1) ist so evident, dass beide Ereignisse als iden­tisch angesehen werden können. Jesus war der samarita­ni­sche Messias und wurde 36 n. Chr. hingerichtet.

5. Die Erhebung Jesu zum Messias in Caesarea Philippi macht nur Sinn, wenn Jesus dafür qualifiziert war. Er musste schon eine ähnliche Position bekleidet haben oder seinem Stand nach dafür infrage kommen oder beides.

6. Ich verstehe deshalb die Versuchungsgeschichte ganz irdisch so, dass Antipas im Krisenjahr 6 n. Chr., als er Gefahr lief, abgesetzt zu werden, Jesus das Amt des Statthalters von Galiläa angeboten hat, und Jesus das Angebot annahm (erst die spätere Kirche erzählte die Ablehnung des Angebotes).

309

1.       Rekonstruktion der Biographie Jesu

Von welchen Grundannahmen ist bei der Rekonstruktion der Biographie Jesu

Oldtimerbus, Quito, Ecuador
Oldtimerbus, Quito, Ecuador

auszugehen? Welche grundlegenden ersten Schluss­folgerungen sind zu ziehen?

1.  Jesus wurde von Pilatus als Messias gekreuzigt. Das ist das historisch am besten gesicherte Ereignis der Biographie Jesu. Eine sinnvolle Rekonstruktion der Biographie kann also nur von hier ausgehen.

2.  Jesus wurde in Caesarea Philippi zum Messias erhoben, Markus 8,29. Das macht erst Sinn nach dem Tod des Fürsten Philip­pus im Jahre 34 n. Chr.

3.  Die armenische Krise brach 35 n. Chr. aus, die romfeind­lichen Kräfte in Palästina witterten Morgenluft und hofften auf Unter­stützung von den Parthern für ihre Erhebung gegen Rom.

Es ist gut vorstellbar, dass Jesus als parthischer Gegen­könig in der vakanten Tetrarchie des Philippus ein­gesetzt wurde.

305

3.  Im Jahr 36 n. Chr., während der sogenannten Armenien­krise, als die Macht der Römer im Osten auf Messers Schneide stand,

Äquatordiplom 15.8.1989
Äquatordiplom 15.8.1989

setzte sich Jesus an die Spitze eines messianischen Aufstands gegen die Römer, Pilatus ließ alle Anführer hinrich­ten, Lukas 23,32, Josephus, Altertümer 18,4,1. Die Bevölke­rung wurde von Pilatus verschont.

4.  Sterben und Auferstehen ist ein bekanntes Ritual in den antiken Mysterienkulten, das auf Jesus übertragen wurde.

5.  Nein. Die Erzählungen über Heilungs- und Naturwunder sind Gleichnisse im Stil antiker Erzähltraditionen, die wie moderne Anekdoten die Botschaft Jesu verdeutlichen sollen.

304

Heute beginnt ein neues Thema:

War Jesus Statthalter von Galiläa?

Thesen zu einer Biographie des historischen Jesus

Äquatordenkmal bei Quito, Ecuador
Äquatordenkmal bei Quito, Ecuador

Schnellinformation

Sechs Fragen

1.  Wie alt war Jesus bei seinem öffentlichen Auftreten, 30 Jahre nach dem Evangelium des Lukas oder 50 Jahre nach dem Evangelium des Johannes?

2. Warum wurde Jesus verehrt?

3.  Warum starb Jesus am Kreuz?

4.  Wie ist der Auferstehungsglaube der Jünger entstanden?

5.  Berichten die Evangelien die Wunderheilungen Jesu als histo­rische Tatsachen?

6.  Stammte Jesus aus der sozialen Unterschicht?

Hier sind die korrekten Antworten

151

5.14.4.
Der Verfasser des Markus-Evangeliums hat Jesus-Überliefe­rungen

Istanbul, theodosianische Landmauer, Tor
Istanbul, theodosianische Landmauer, Tor

der Jesus-Gruppierungen des Jakobus, des Johannes und des Petrus übernommen. Siehe dazu im Einzelnen Johannes Neumann, War Markus ein Dichter? in: ders.: War Jesus Statthalter von Galiläa?, S. 43-92, hier S. 51-62.

5.14.5.
Die von den Evangelisten verwendeten Jesus-Überliefe­rungen aus Galiläa gehen zurück auf mündliche Überlieferungen, die in den Einzelkirchen tradiert wurden. Die Jesus-Überliefe­rungen aus Jerusalem beru­hen auf Deutungen des Todes Jesu durch die Einzelkirchen und deren kultischer Verwendung.

149

5.13.7.
In der jüdischen Deutung wurde Jesu Opfer mit dem Opfern der Pas­sah­­lämmer verglichen: im Johannes-Evangelium

Athen, Mosaik: Madonna
Athen, Mosaik: Madonna

stirbt Jesus zur Zeit der Opferung der Passah-Lämmer, als Passah-Lamm, vgl. Paulus in 1 Kor 5,7.

5.13.8.
In einer anderen jüdischen Deutung, bei den Synoptikern, setzte Jesus das Abendmahl als Gedächtnismahl für seinen Tod ein, und zwar in Form des Passahmahls.

Auch hier wird die Parallele vom Tod Jesu zum Tod des Passahlamms gezogen, das Mahl selbst wird scheinbar als Gedächt­­nis­mahl begangen, obwohl die Deuteworte zurückverweisen auf die Selbstopferung der Gottheit, der Jesus nach Joh 1,1ff angehört.

147

5.13.3.
Wer in der Antike an einem gewaltsamen Aufstand teilnahm und die Repräsentanten der öffentlichen Ordnung dabei töten wollte, hatte,

Patmos, Johanneskloster, Mönche
Patmos, Johanneskloster, Mönche

wenn der Aufstand scheiterte, sein Leben verwirkt. Insofern waren alle Teilnehmer des Jesus-Aufstands des Todes schuldig, als Pilatus sie besiegt hatte.

Pilatus kreuzigte aber nur Jesus und wenige andere Anführer, die meisten einfachen Teilnehmer konnten in ihre Heimat zurückkehren. Jesus ist deshalb (zusammen mit den anderen Anfüh­rern) tatsächlich stellvertretend für die vielen Mitläufer gestorben.

Am Anfang des Bekenntnisses für uns gestorben steht diese historische Erfahrung der Teilnehmer des Jesus-Zuges.

5.13.4.
Diese Erfahrung des tatsächlichen stellvertretenden Todes des adeligen und deshalb gottgleichen Jesus wurde in den urchristlichen Gruppen verschieden gedeutet. Es gab die persische Deutung der Selbstopferung Gottes, wie sie im Mithras-Kult begegnet.

Diese Deutung wurde ausge­drückt in den Deuteworten des Abendmahls in Mt 26,26-28par: dies ist mein Leib, dies ist mein Blut.

5.13.5.
Paulus und seine Tradition formulierten das ähnlich: Christus ist für uns, für unsere Sünden gestorben, Röm 5,6.8; 1 Kor 15,3.

146

V  13   Der Mythos vom Selbstopfer Christi

 5.13.1.
Die herrschende Erzählung über die Entstehung des christlichen Mythos vom Opfer Christi lässt sich so zusammenfassen: In der

Patmos, Johanneskloster, Besucher
Patmos, Johanneskloster, Besucher

Ge­schichte sind immer wieder religiöse Genies aufgetreten, die den Menschen den Willen Gottes verkündeten: zum Beispiel in alten Israel der Gesetzgeber Mose und die Propheten.

Zur Zeitenwende trat Jesus von Nazareth auf und verkündete das Reich Gottes. Die Men­schen spürten die religiöse Kraft und die göttliche Weisheit in der Verkündi­gung Jesu und formulierten in den mythischen Vorstellungen ihrer Zeit, in denen sie befangen waren, die Idee, Jesus sei ein Gottessohn.

Als Jesus am Kreuz starb, glaubten sie, Gott habe den Gottessohn Jesus für ihre Sünden geopfert, so wie die Juden Passahlämmer für ihre Sünden opferten.

5.13.2.
Zur Entstehung des christlichen Mythos vertrete ich die folgenden The­sen: Jesus war als Stellvertreter des Fürsten Antipas für die einfachen Menschen eine gottgleiche Person. Man vergleiche dazu die Aussage Phil 2,6: Jesus, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein.

Die göttliche Gestalt und die Gottgleichheit Jesu sind nicht angemaßt, sie sind nicht nur Glaube der Gemeinde, sie sind zuallererst die Beschreibung einer sozialen Realität, einer sozialen Schicht, des Adels. Dieser sozialen Schicht gehörte Je­sus kraft Geburt und kraft des Amtes, das er als Statthalter ausübte, an.

139

5.11.8.
Joseph ist nicht der Name des Vaters Jesu, Mk 6,1ff kennt keinen

Ephesus, Säulenallee
Ephesus, Säulenallee

Vatersnamen Jesu, sondern nur den Namen der Mutter Maria. Der Name des Vaters taucht zuerst in den spät entstandenen Geburts­legenden in Mt 1f und Lk 1f auf.

5.11.9.
Woher kommt der Name Joseph für den Vater Jesu? Im Neuen Testament werden Vaterfiguren häufig Joseph genannt: Neben dem Vater Jesu sind hier zu nennen: Joseph von Arimathäa (Mt 27,57) und Joseph aus Zypern, genannt Barnabas, ein früher Heidenapostel (Apg 4,36).

Vielleicht gehört auch Joseph Barsabbas, der von den Aposteln ausgewählte Kandidat für den 12. Apostel, der die Stelle des Judas einnehmen sollte, dazu (Apg 1,22).

5.11.10.
Josephus, der Jesus als samaritanischen Pseudo-Messias beschreibt, spottet über den Vatersnamen Jesu so: Wenn es den Juden gutgeht, nennen sich die Samaritaner Söhne Josephs, wenn nicht, sagen sie, sie stammten von Ausländern ab, Ant 9,14,3.

126

5.6.7.
Außerhalb des jüdischen Umfelds fiel die politische Botschaft nicht auf fruchtbaren Boden, und die christliche Verkündigung wurde eine

Troja, römisches Theater
Troja, römisches Theater

rein reli­giöse und private Angelegenheit, eine Sache der persönlichen Lebens­führung. Die Apostel außerhalb der jüdischen Umgebung entwi­ckel­ten keinen Ehrgeiz, Jesus als Messias nachzufolgen.

5.6.8.
Die  verschiedenen Jüngerlisten  sind späte Konzepte, die in die Früh­zeit zurückdatiert wurden. Dazu gehören die zwölf Jünger Jesu (Mk 3,13ff) – mit wechselnden Namen, aber stets angeführt von Petrus, Jakobus und  Johannes – als Liste der Petruskirche und später der Gesamtkirche – entsprechend den zwölf Stämmen Israels bzw. den zwölf Tierkreiszeichen der Ekliptik.

Weitere Jüngerlisten sind der Stephanuskreis (Apg 6,5) als Jüngerliste der Johanneskirche mit sieben Mitgliedern entsprechend den sieben Planeten und die Brüder Jesu in Mk 6,3, die eine frühe Jüngerliste der Jakobuskirche darstel­len. In Apg 13,1 scheint Lukas eine gute Quelle mit den Ältesten von Antiochia zu zitieren. Fraglich ist aber die ursprüngliche Zugehörigkeit des Saulus/ Paulus zu dieser Gruppe.

125

5.6.5.
Die großen Jünger Jakobus, Johannes, Petrus und Judas bildeten

Troja, Ausgrabung
Troja, Ausgrabung

Jesus-Gruppierungen innerhalb ihrer Ursprungsbewegungen Juden­tum, Täufer, Gnosis und Aufständische.

Die Jesus-Gruppierungen verbanden sich später zum Urchristentum, die Ursprungsbewegungen Juden­tum, Täufersekte, Gnosis und Aufständische blieben selbständig.

5.6.6.
In jüdischer Umgebung bildeten die Jünger politische Bewegungen, die sich nur lose zum Urchristentum verbanden und selbständig Mission auch außerhalb des jüdischen Umfelds betrieben.

124

V  6  Die Jünger/ Apostel

5.6.1.
Die herrschende Meistererzählung über die Jünger geht so: Die Jünger waren persönliche Schüler von Jesus, der sie ausgesucht und berufen

Troja, Ausgrabung
Troja, Ausgrabung

hat. Viele Jünger waren Fischer am See Genezareth, nach der Begeg­nung mit Jesus verließen sie ihre Arbeitsstellen und ihre Familien und schlossen sich dem Wanderprediger Jesus an. Petrus war der führende Kopf der Jünger, er und das Brüderpaar Jakobus und Johannes waren die wichtigsten Jünger.

5.6.2.
Und das sind meine Thesen über die Jünger: Die Jünger Jesu waren keine Fischer. Sie waren Prediger des astrologi­schen Zeitalters (des Sternbilds) der Fische, des neuen Frühjahrs­stern­bilds, in dem sie ein himmlisches Zeichen des erwarteten Gottesreiches sahen.

5.6.3.
Die Jünger Jesu waren nicht seine persönlichen Schüler.

5.6.4.
Die Jünger waren selbständige politische und religiöse Führer­persönlichkeiten des frühen Christentums, die großen Jünger Jakobus, Johannes und Petrus strebten danach, die Nachfolge des verstorbenen Jesus als Messias anzutreten.

123

5.5.23.
Die Vereinigung der palästinensischen Jesus-Gruppen: In den Jahren nach 70 n. Chr. trennten sich die Jesus-Gruppen von

Troja
Troja

ihren Herkunftsbewegungen, die konfessionellen Gemeinden gingen in der heiden­christlich verfassten Gesamtkirche auf. Die Aufständischen wurden als Verräter gebrandmarkt (Verrat des Judas in den Evangelien, noch nicht bei Paulus) und aus der Gesamtkirche ausgeschlossen. Judentum, Täufer­bewegung und Gnostiker gingen eigene Wege.

Die Traditionen der Jesus-Gruppen fanden ihren Niederschlag in den damals entstehenden Evangelien des späteren Neuen Testaments. Die religiöse Auto­rität verschob sich von den geistbegabten Aposteln hin zu den Ortsgemeinden und den tradierten christlichen Überlieferungen.

5.5.24.
Das Ende der einzelkirchlichen Überlieferungen: Nach 135 n. Chr. wurden die Schriften der Einzel­kir­chen nach Proporz zum neutestamentlichen Kanon zusammen­gefasst, die Überlieferungen der Jesus-Gruppierungen gingen endgültig in der gesamt­kirchl­ichen Über­lieferung auf.

An die Stelle der Reibungen zwischen den alten Jesus-Gruppierungen traten neue Konflikte.

120

5.5.20.
Konsolidierung
Der Apostel Paulus erlebte seine Bekehrung zwischen 48 und 50 n. Chr. und begann seine Tätigkeit als Apostel ab ca. 50 – 52 n. Chr. Paulus war

Masada, Mosaik
Masada, Mosaik

nicht eigentlich ein Missionar, dort, wo er hinkam, fand er meist schon Christen vor. Was Paulus auszeichnete, war seine fundierte theologische Ausbildung, sein Organisationstalent und sein Blick für das, was die neue Religion in Bezug auf Theologie, Kultus und Gemeindeleben am nötigsten brauchte.

Von der antiochenischen Gemeinde übernahm er die Idee des Einheits­­christentums mit einem unmittelbaren Bezug auf Jesus.

119

5.5.19.
Heidenchristen: Während in Palästina die Jesus-Gruppen in ihren Herkunfts­bewegun­gen verharrten und neben religiösen Botschaften

Masada, Mosaik
Masada, Mosaik

auch politische und soziale Ansprüche vertraten, ging die Mission nach außerhalb, nach Antiochia, Zypern und Kleinasien und führte zur Veränderung der Botschaft Jesu.

Die getrennten Jesus-Gruppen vereinigten sich und nannten sich nun erstmals Christen. In der heid­nischen Umgebung machten politische und soziale Forderungen wenig Sinn, hier war es die religiöse Kraft der vereinten christlichen Botschaft, die die Menschen interessierte und überzeugte.

Mit den Heidenchristen in Antiochia entstand die vierte Jesus-Gruppierung, die sich aber nicht mehr konfessio­nell abgrenzte, sondern für alle Konfessionen offen war und sich jetzt christlich nennen konnte, Apg 11,26.

118

5.5.18.
Die Begegnung: In der Mission begegneten sich die Jesus-Gruppen aus den unter­schiedlichen Bewegungen, erkannten ihre Gemeinsamkeiten

Masada, Gewölbe
Masada, Gewölbe

und arbeiteten auch zusammen, blieben aber bei ihren getrennten Struk­turen und Herkunftsbewegungen.

Das wich­tigste Ereig­nis der Mission in Palästina war die Gründung von Gemeinden der Jesus-Gruppierungen in Jerusalem, die aber bis zum Ende des jüdischen Auf­stands konfessionell streng getrennt blieben. Die israeliti­sche Gruppie­rung des Jakobus wandelte sich dabei aus einer samaritanischen in eine judenchristliche Jesus-Gruppe.

Die Jesus-Gruppen trieben nicht nur friedliche Mission, sondern beteiligten sich auch an handfesten sozialen Konflikten. Ein Beispiel dafür ist die Hinrichtung des Jakobus und Petrus im Jahr 46 n. Chr., wahrscheinlich im Anschluss an eine Hungerrevolte, an dem sie führend beteiligt waren.

Der Tod der beiden führenden Apostel bedeutete einen großen Einschnitt in der Geschichte des Urchristentums.