259

Darwin beschreibt in der Abstammung des Menschen die Höher­entwick­lung des Menschen

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


als Zusammenspiel von biologischen und kulturellen Faktoren. Das Gehirn der Vor- und Frühmenschen wird größer, gleich­zeitig und in gegenseitiger Abhängigkeit steigen die kulturellen Leistungen an. Beim Gehirnwachstum geht es um biologische und vererbliche Faktoren, die kulturellen Leistungen sind nicht vererblich, sie müssen Generation für Generation neu erlernt werden.

Der kulturelle Sprach­erwerb setzt die biologische Ausstattung der Individuen dazu voraus. Das Kleinkind, dem die biologische Ausstattung zur Sprachartikulation oder die Fähigkeit zu hören fehlt, kann die Sprachfähigkeit nicht erwer­ben.

Darwin sagt auch nichts über die biologischen Mechanismen, die die höheren Affen plötzlich auf die Spur gesetzt hätten, um menschliche Wesen zu werden. Er vertraut offenbar dem hegelschen, sich selbst entfaltenden Geist, der irgendwann über die höheren Affen gekommen ist wie der Heilige Geist über die Jungfrau Maria.

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258

Hier muss ich den Begriff Emergenz einführen.

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


Komplexe Systeme lassen sich nicht mit der Beschreibung ihrer Teile erklären. Auch die noch so genaue Kenntnis der Einzelteile kann nicht zum Verständnis des Systems führen. Dieses Phänomen nennt man Emergenz, d. h. das Auftreten neuer Eigenschaften, die sich nicht aus den Eigenschaften der Teilsysteme ergeben.

Eine große Bedeutung hat die Emergenz bei der Frage gespielt, ob man biologische Systeme, z. B. die Zelle, mit dem Theoriegebäude der Physik oder der Chemie erklären kann. Die Antwort: So wichtig das Verständnis physikalischer und chemischer Vorgänge in der Zelle für das Gesamtverständnis auch ist, kann es doch allein das biologische System Zelle nicht erklären.

In der Zelle gibt es emergente biologische Eigenschaften, die nur mit dem Theoriegebäude der Biologie erklärbar sind. Das gleiche gilt auch für Geist und Kultur des Menschen; es handelt sich beim Menschen und seiner Kultur um ein hoch komplexes System mit gegenüber seinen biologischen Teilen emergenten Eigenschaften.

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257

War das Dilemma des viktorianischen Gentlemans auch Darwins Dilem­ma, ist es auch unser Dilemma?

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


Ich meine, die Antwort auf diese Fragen muss ein klares Ja sein. Der viktorianischen Gentleman Charles Darwin wusste, dass der Mensch von äffischen Vorfahren abstammte, anderer­seits war zu sehr ein Kind seiner Zeit, um nicht den tiefen Graben zwischen Mensch und Tier zu betonen.

Wenn er nicht wie seine ideolo­gischen Gegner den Geist des Menschen einem göttlichen Schöp­fungsakt zuschreiben mochte, so konnte er doch im hegelschen Sinne an die Selbstentfaltung des Geistes glauben.

G. F. W. Hegel hatte in der Phänomenologie des Geistes die Ent­wicklung der menschlichen Kultur als die Selbst­entfal­tung des Geistes in der Geschichte über die Stationen Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Vernunft, Geist, Religion und Kunst bis zum absoluten Wissen darge­stellt.

In der gegenseitigen Befruchtung von Gehirn und Geist bei Dar­win entfaltete sich der Geist wie bei Hegel, sobald die körperlichen Bedingungen, insbesondere die Gehirngröße der Vor- und Frühmen­schen bis zum Homo Sapiens es zuließen. Darwin übersah aber, dass nach seiner Evolutionstheorie die Entwicklung nicht zielge­richtet, nicht finalistisch, sondern ergebnisoffen ist.

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256

These 6

Ergebnis

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


Die bisherigen Versuche, die Evolution des menschlichen Gehirns und des menschlichen Geistes zu erklären, sind gescheitert. Denn ihnen allen ist gemeinsam, dass menschliche Charakteristika wie Arbeit, Sprache, Kultur, Bewusstsein, die alle am Ende der Evolution zum Menschen stehen, zugleich auch als Ursache der Menschwerdung, das heißt am Beginn der Menschwerdung stehen sollen.

Alle diese menschlichen Charakteristika waren aber vor der Entstehung des Menschen nicht vorhanden und kommen deshalb als Ursache der Evolution, die zum Menschen führte, nicht in Frage.

Erläuterung:

Kein anderer Gedanke war der viktorianischen Mentalität mehr zuwider als der daß der Mensch von Affen abstammen könne. Selbst wenn die Evolution für alle anderen Organismen nachgewiesen werden konnte, so mußte doch gewiß der Mensch mit all seinen einzigartigen menschlichen Merkmalen aus einem besonderen Schöpfungsakt hervorgegangen sein.

Sogar A. R. Wallace weigerte sich, sehr zur Verzweiflung Darwins, der natürlichen Auslese das Verdienst der Evolution des Menschen zuzugestehen.
(Mayr 2002, S. 499)

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255

3. Das menschliche Gehirn muss auf andere Weise entstanden sein.

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


Eine Lösung zu kritisieren ist natürlich einfach und macht nur dann Sinn, wenn man eine bessere Lösung anzubieten hat. Daran scheiterten die bisherigen Lösungsversuche, dass Alternativen für das Münch­hausen­modell nicht gesucht oder nicht gefunden wurden.

Wenn der menschliche Geist bzw. die Kultur nicht der entscheidende Faktor war, der die Entwicklung des menschlichen Gehirns voran­getrieben hat, was war es dann? Da es nach der Theorie keine zielgerichtete Evolution gibt, muss der auslösende Faktor in der Population der frühen Hominiden gesucht werden. Bei der Lösung werde ich auf Untersuchungen von Primaten­forschern zurückgreifen, ich verweise auf die Thesen 9 ff.

4. Wenn Gehirn und Geist nicht zusammen entstanden sind, entsteht ein weiteres Problem: Was veranlasste das menschliche Gehirn, neben der ursprünglichen Funktion die zusätzliche Aufgabe, Sitz des mensch­lichen Geistes, der Sprache, des Bewusstseins, der Kultur zu werden, zu übernehmen?

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254

2. Wie ist das menschliche Gehirn entstanden?

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


Die Idee der Koevolution von Geist oder Kultur und Gehirn bzw. die gemeinsame und sich gegenseitig stimulie­rende Entwicklung von Geist/Kultur und Gehirn erinnert mich immer an den Freiherrn K. F. H. von Münchhausen. In seiner Wunderbaren Reise zu Wasser und zu Lande erzählt er die Geschichte, wie er sich samt Pferd am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht, in den er hineingeraten war.

Die Erzählung wider­spricht den elementaren Gesetzen der Physik (es fehlt der archime­dische feste Punkt), aber das störte weder den Erzähler noch seine Leser. Bei der Idee der Koevolution geht es seit Darwin darum, dass nach dem bedauerlichen Verlust des christlichen Schöpfergottes der menschliche Geist dessen Rolle übernimmt, sich am geistigen Schopf packt und sich und das Menschengehirn aus dem Sumpf der tierischen Geistlosigkeit herauszieht.

Anders gesagt: Der menschliche Geist und/oder die Kultur sollen die Evo­lution des Affen­gehirns zum menschlichen Gehirn fina­listisch über­wacht haben. Da keine andere Lösung verfügbar war, wurde übersehen, dass mit dieser Lösung Darwin selbst und seine Nachfolger der darwinschen Evolutionstheorie widersprachen.

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These 5

Funktionswechsel des Gehirns

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


Das menschliche Gehirn als evolutive Neuheit kann nicht als biologische Basis des menschlichen Geistes entstanden sein. Das menschliche Gehirn muss auf andere Weise entstanden sein und wurde als fertiges Organ durch einen Funktionswechsel sekundär für die Tätigkeit des menschlichen Geistes verwendet.

Erläuterung:

1. Ist das menschliche Gehirn eine evolutive Neuheit? Wie wir gesehen hatten, bestreitet Darwin den prinzipiellen Unterschied zwischen Tier­seele und Menschenseele:

Aber wie groß auch der Unterschied zwischen den Seelen der Menschen und der höheren Tiere sein mag, er ist doch nur ein gradueller und kein prinzipieller. (Darwin 2009, S.156)

Ernst Mayr pflichtet Darwin darin bei:

Wenn man als charakteristische Merkmale des Menschen Kriterien wie Bewußtsein oder Besitz von Geist und Intelligenz angibt, so hilft uns das nicht sehr viel weiter, da gute Beispiele dafür vorliegen, daß sich der Mensch hinsichtlich dieser Merkmale lediglich quantitativ von den Menschen­affen und vielen anderen Tieren (selbst dem Hund!) unter­scheidet. (Mayr 2002,S. 500)

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