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7.       Die Quellen – Fakten und Fiktion

Ein berühmtes spätantikes Mosaik aus Sousse in Tunesien (3. Jahrhundert n. Chr.) zeigt den römischen Dichter Vergil

Vulkan Pichincha, Krater
Vulkan Pichincha, Krater

sitzend zwi­schen zwei Musen. Zu seiner Rechten steht Klio, die Muse der Geschichte, mit einer Schrift­rolle in den Händen, zu seiner Linken Melpomene, die Muse der Tragödie, mit einer Theater­maske.

Auf den Knien hat Vergil eine Buchrolle mit dem 8. Vers der Aeneis, wo es heißt: Muse, sag mir die Gründe… Vergil hat mit der Aeneis das römische Staatsepos geschaffen, den Grün­dungs­mythos Roms.

Der Evan­gelist Markus schrieb mit seinem Evangelium den Gründungs­mythos des Christentums. Wie bei Vergil, so standen auch bei Markus zwei Literatur­gattun­gen Pate, die Geschichts­schreibung, die Fakten überliefert, und die Tragödie, die in dichterischer Verfremdung die Dinge auf den Punkt bringt.

Der Dichter er­zählt uns die Gründe des Gesche­hens, aber nur verschlüsselt und verdichtet.

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Zu 3: Der Sturz von der Tempelzinne erinnert an den Absturz bei der Steinigung.

Vulkan Pichincha, Morgennebel im Krater
Vulkan Pichincha, Morgennebel im Krater

Der Fabeldichter Äsop wird von den Delphern wegen angeblichen Religionsfrevels einen Berg hinab­gestoßen (Vita 141), dasselbe Schicksal droht Jesus in Lukas 3,29. Es ging darum, dass die Monarchie die Gerichtshoheit an sich zog und Bürgerrechte gewährte, damit die Unterschicht der Gerichts­bar­keit der Aristokratie entzogen wurde.

Wie oben ge­sagt, bestand die Aristo­kratie aus judäischen Familien, die das Land seit der jüdischen Eroberung 104 v. Chr. beherrschten, die Unterschicht aber aus einer gemischten nichtjüdi­schen Bevölke­rung.

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6.       Die Amtsübernahme

Die Einsetzung des Statthalters Jesus in Galiläa und Peräa erwies sich für Antipas

Vulkan Pichincha, internationale Seilschaft
Vulkan Pichincha, internationale Seilschaft

als kluger Schachzug. Scheiterte Jesus, dann konnte Antipas ihn als den Schuldigen entlassen und hatte eine weiße Weste. Hatte Jesus Erfolg, konnte der Tetrarch sich den Erfolg als seinen Verdienst anrechnen.

Man kann die erwei­terte Versuchungs­geschichte bei Matthäus und Lukas als eine Art Anstel­lungs­vertrag ansehen. Es werden drei Themen ange­spro­­chen: 1. Brot, 2. Herrschaft, 3. persönliche Sicherheit.

In der Erzählung ist jeweils Jesus selbst der Nutznießer, in der histo­rischen Situation sollte er die Vorteile an die Bevölkerung weiter­geben. Es ging um die Herrschaftssicherung für den Fürsten Antipas, die Beschnei­dung der Macht der Aristokratie und die Gewinnung der unteren sozialen Schichten als Machtbasis für die Monar­chie.

Zu 1: In der Antike lautet die Regel Nr. 1 der Macht­siche­rung: Vermeide Hungeraufstände. Sozialpolitik war Versorgung mit ausreichen­dem und dadurch preiswertem Getreide.

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Als Herodes der Große 4 v. Chr. starb, gab Augustus das Reich an drei seiner Söhne. Die Aufgabe,

Vulkan Pichincha, Kraterrand
Vulkan Pichincha, Kraterrand

denen sich die Herodes­söhne stellen mussten, bestand darin, das feudal regierte Königreich ihres Vaters in moderne Monarchien nach augustei­schem Vorbild umzuwan­deln und den Einfluss der unter Hero­des mächtigen Aristokratie zurückzudrängen.

Die Fürsten sollten den wirtschaftlichen Aufstieg neuer sozialer Schichten begünsti­gen, die eine solide Machtbasis der Monarchien darstel­len würden.

Der älteste der Herodessöhne, Archelaos, der Judäa erhielt, scheiterte. 6 n. Chr. wurde er auf Verlangen der ju­däischen Aristokratie von Augustus entlassen und ins Exil geschickt. Judäa wurde, so wünschten es die Adelsfamilien, eine römische Provinz.

Philippus erhielt als seine Tetrarchie die nördliche Provinz mit der später ausgebau­ten Hauptstadt Caeserea Philippi. Er löste die Aufgabe der Umwand­lung in eine moderne Monarchie mit Bravour und starb hoch geachtet 34 n. Chr.

Antipas, der Vollbruder des Archelaos, erhielt das kleine, landwirtschaftlich reiche Galiläa und den Land­strich Peräa östlich des Jordan.

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5.       Zeitgeschichte

Drei Stichworte gibt es zum geschichtlichen Umfeld Jesu: Rom, die Parther und Galiläa.

Vulkan Pichincha
Vulkan Pichincha

(1) In Rom hatten die alten Adelsfamilien in der späten Republik durch Machtkämpfe den Staat an den Rand des Abgrundes geführt.

Kaiser Augustus war es gelungen, anstel­le der aristokratischen Herrschaftsform eine Monarchie zu errich­ten, die die Fassade der Republik wahrte und die alten Eliten durch vielfältige Verwaltungsposten und Ehrenämter in den neuen Staat einbezog.

Unter Augustus florierte die Wirt­schaft, ein Bauboom brachte Arbeitsplätze für die Unterschicht und Gewinne für die Unternehmer. Bildhauer und Dichter überboten sich im Lobpreis für Augustus, den ersten Mann im Staat, und das goldene Zeitalter ohne Krieg, das er heraufgeführt hatte.

Augustus wurde zum gefeierten Vorbild aller Monarchen dieser Zeit, auch der herodianischen Fürsten.

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4.       Arbeitssuchend

Als Herodes schwer erkrankte, wurden die Studien der Judäer

Vulkan Pichincha, Aufstieg zum Kraterrand
Vulkan Pichincha, Aufstieg zum Kraterrand

abrupt beendet. Ende 5 oder Anfang 4 v. Chr. reisten die Prinzen und Jesus mit ihnen nach Judäa. Das Jahr 7 v. Chr., als die große Konjunktion von Jupiter und Saturn den Astrologen in Judäa einen Herrschaftswechsel ankündigte, hatten sie glück­licher­weise in Rom verbracht und waren so dem Misstrauen des alternden Herodes entgangen.

Zwei Halbbrüder der Prinzen, die Mariamnesöhne Alexander und Aristobul, hatte Herodes im Jahr 7 v. Chr. aus fadenscheinigen Gründen hinrichten lassen. Im Matthäus­evangelium erscheint dieses Ereignis als der Kinder­mord von Bethlehem, dem Jesus entgeht, weil er sich in Ägypten (=Rom) aufhält.

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3.  Die Chronologie

1.  Nach Johannes 2,20 und 8,57 war Jesus nach 46 Jahren Bau­zeit des Tempels, also 27 n. Chr.

Vulkan Pichincha, Aufstieg zum Kraterrand
Vulkan Pichincha, Aufstieg zum Kraterrand

etwa 50 Jahre alt. Er wurde also ca. 24/23 v. Chr. geboren. Das passt zu den Anga­ben, dass Jesus unter der Herrschaft des Kaisers Augustus (Lukas 2,1ff) und des jüdischen Königs Herodes des Großen (Matthäus 2,1ff, Lukas 1,5) geboren wurde. Augustus regierte von 31 v. Chr. bis 14 n. Chr., Herodes von 37 bis 4 v. Chr.

2.  Das hohe politische Amt, das Jesus nach der Versuchungs­geschichte (Matthäus 4,8f, Lukas 4,5-7) angeboten wurde, war das Amt des Statthalters des Herodes Antipas in Galiläa.

Jesus übernahm das Amt im Jahr 6 n. Chr., er war damals 30jährig und bekleidete sein erstes öffentliches Amt (Lukas 3,23). 6 n. Chr. war das Krisenjahr der Herodessöhne, damals wurde Archelaos, der Bruder des Antipas, von Augus­tus in Jerusalem abgesetzt und verbannt.

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Nach Josephus, Altertümer 17,1,3 wurden Archelaos, Antipas und Philippus um das Jahr 9 v. Chr.

Vulkan Pichincha, 4794 m, Ecuador
Vulkan Pichincha, 4794 m, Ecuador

zur weiteren Aus­bildung nach Rom gesandt, wo sie bei einem Privatmann, möglicherweise bei Asinius Pollio, Quartier nahmen.

 Jesus wurde mit den Prinzen nach Rom geschickt und absolvierte die gleiche Ausbildung. Herodes und seine Söhne brauchten tüchtige Ver­wal­tungsfachleute und Diplomaten, die dem Königs­haus treu ergeben waren.

Für die Römer war es wichtig, Angehörige der Eliten der unterworfenen Völker auszubilden, die in ihren Hei­mat­ländern römische Herr­schafts­prinzipien vermit­teln konnten.

Die Aus­bildung bestand in den artes liberales, den Studien, die den Freien anstanden, weil sie keine schwere Handarbeit erfor­derten: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arith­metik, Geometrie, Astro­nomie (und Astrologie), Musiktheorie. Unterrichts­sprache war Latein

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2.       Kindheit, Ausbildung

Jesus wurde ca. 24/23 v. Chr. geboren und erhielt eine typisch aristokratische Erziehung,

Vulkan Cotopaxi 5897 m, Ecuador
Vulkan Cotopaxi 5897 m, Ecuador

bis zu seinem 7. Lebensjahr befand er sich im Frauenhaus in der Obhut seiner Mutter und ihrer Dienerinnen und wurde zusammen mit Ge­schwis­tern und anderen Kindern betreut.

Im Alter von 7 Jahren begann für ihn die Elementar­schule in Gestalt der Schule der königlichen Prinzen, wo er mit Antipas, anderen Prinzen und Aristokraten­söhnen und dem späteren christlichen Presbyter Manaen (Apostelgeschichte 13,1) erzogen wurde.

Während im Hause der Mutter Aramäisch und Griechisch gesprochen wurde, fand der Schulunterricht nur in griechischer Sprache statt. Fächer waren das Rezitieren Homers und anderer Klassiker, Lesen und Schreiben, Rechnen, Geometrie, Musizieren, Turnen.

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4.         Die zeitliche Nähe zum sogenannten samaritanischen Messias

Oldtimerbus, Quito, Ecuador
Oldtimerbus, Quito, Ecuador

(Josephus, Altertümer 18, 4, 1) ist so evident, dass beide Ereignisse als iden­tisch angesehen werden können. Jesus war der samarita­ni­sche Messias und wurde 36 n. Chr. hingerichtet.

5. Die Erhebung Jesu zum Messias in Caesarea Philippi macht nur Sinn, wenn Jesus dafür qualifiziert war. Er musste schon eine ähnliche Position bekleidet haben oder seinem Stand nach dafür infrage kommen oder beides.

6. Ich verstehe deshalb die Versuchungsgeschichte ganz irdisch so, dass Antipas im Krisenjahr 6 n. Chr., als er Gefahr lief, abgesetzt zu werden, Jesus das Amt des Statthalters von Galiläa angeboten hat, und Jesus das Angebot annahm (erst die spätere Kirche erzählte die Ablehnung des Angebotes).

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1.       Rekonstruktion der Biographie Jesu

Von welchen Grundannahmen ist bei der Rekonstruktion der Biographie Jesu

Oldtimerbus, Quito, Ecuador
Oldtimerbus, Quito, Ecuador

auszugehen? Welche grundlegenden ersten Schluss­folgerungen sind zu ziehen?

1.  Jesus wurde von Pilatus als Messias gekreuzigt. Das ist das historisch am besten gesicherte Ereignis der Biographie Jesu. Eine sinnvolle Rekonstruktion der Biographie kann also nur von hier ausgehen.

2.  Jesus wurde in Caesarea Philippi zum Messias erhoben, Markus 8,29. Das macht erst Sinn nach dem Tod des Fürsten Philip­pus im Jahre 34 n. Chr.

3.  Die armenische Krise brach 35 n. Chr. aus, die romfeind­lichen Kräfte in Palästina witterten Morgenluft und hofften auf Unter­stützung von den Parthern für ihre Erhebung gegen Rom.

Es ist gut vorstellbar, dass Jesus als parthischer Gegen­könig in der vakanten Tetrarchie des Philippus ein­gesetzt wurde.

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Meine methodischen Lösungsansätze sind folgende:

Panecillo, Quito, Ecuador
Panecillo, Quito, Ecuador

1.  die Annahme einer anthropologischen Konstante (gleiches mensch­liches Verhalten vor 2000 Jahren und heute), Ableh­nung einer Singularität im Falle Jesu,

2. die genaue Beachtung des zeitgeschichtlichen Umfelds,

3. die Anerkennung der antiken Religiosität als Grundlage des Urchristentums,

4. die Neubewertung der Evangelien als Dichtung und als Teil des literarischen Diskurses des 1. Jahrhunderts n. Chr.,

5.  die Annahme, dass die geschichtlichen Vorgänge einer logi­schen und argumentativen Beschreibung zugänglich sind.

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Hermann Samuel Reimarus (1694-1768) deckte diesen Wider­spruch auf, indem er die Kriterien

Altstadt Quito, Ecuador
Altstadt Quito, Ecuador

Plausibilität und Quellen­über­ein­­stimmung zur Untersuchung der Jesus-Geschichte heran­zog. Er wies nach, 1. dass die bibli­schen Erzählungen von Jesus und seinen Jüngern häufig nicht plausibel sind, 2. dass es zahlreiche Widersprüche zwischen den biblischen Lehren Jesu und den Lehren der Apostel und damit der Kirche gibt.

Reimarus schlug folgende kirchen­kritische Lösung vor: Die Auferstehung beruhe auf einem Betrug der Jünger, die weiterhin als Wander­prediger ihren Lebensunterhalt verdienen wollten.

Während das Problem, das Reimarus aufwarf, als wissen­schaft­liches Problem anerkannt wurde und zur Leben-Jesu-Forschung des 19. Jahrhunderts führte, wurde seine Lösung von den nach­folgenden Forschern zu Recht verworfen.

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Einleitung

Die Bibel erzählt die Geschichte Jesu und seiner Jünger im Stil der zeitgenössi­schen Dichtung. Sie mischt

Altstadt Quito, Ecuador
Altstadt Quito, Ecuador

historische Fakten mit Anekdoten und Wunder­erzählun­gen, an den wichtigsten Stellen werden über­natür­liche Mächte und Personen ins Spiel gebracht, um die Bedeutung der Ereignisse zu untermauern. Bis zum Be­ginn der Aufklärung verstand man diese Darstellungsweise intui­tiv und sah keinen Wider­spruch zwischen religiöser Wahr­heit und histo­ri­schem Gesche­hen.

In der neuzeitliche Naturwissen­schaft ist der Begriff der Wahr­heit seit dem 16. Jahrhundert verbunden mit Nachprüfbarkeit und Wiederholbarkeit im Experiment, in den historischen Wis­senschaften setzten sich seit der Renaissance und verstärkt im 18. Jahrhundert die Wahr­heits­kriterien Plausibilität und Über­­ein­­stimmung mit den Quellen durch.

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3.  Im Jahr 36 n. Chr., während der sogenannten Armenien­krise, als die Macht der Römer im Osten auf Messers Schneide stand,

Äquatordiplom 15.8.1989
Äquatordiplom 15.8.1989

setzte sich Jesus an die Spitze eines messianischen Aufstands gegen die Römer, Pilatus ließ alle Anführer hinrich­ten, Lukas 23,32, Josephus, Altertümer 18,4,1. Die Bevölke­rung wurde von Pilatus verschont.

4.  Sterben und Auferstehen ist ein bekanntes Ritual in den antiken Mysterienkulten, das auf Jesus übertragen wurde.

5.  Nein. Die Erzählungen über Heilungs- und Naturwunder sind Gleichnisse im Stil antiker Erzähltraditionen, die wie moderne Anekdoten die Botschaft Jesu verdeutlichen sollen.

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Heute beginnt ein neues Thema:

War Jesus Statthalter von Galiläa?

Thesen zu einer Biographie des historischen Jesus

Äquatordenkmal bei Quito, Ecuador
Äquatordenkmal bei Quito, Ecuador

Schnellinformation

Sechs Fragen

1.  Wie alt war Jesus bei seinem öffentlichen Auftreten, 30 Jahre nach dem Evangelium des Lukas oder 50 Jahre nach dem Evangelium des Johannes?

2. Warum wurde Jesus verehrt?

3.  Warum starb Jesus am Kreuz?

4.  Wie ist der Auferstehungsglaube der Jünger entstanden?

5.  Berichten die Evangelien die Wunderheilungen Jesu als histo­rische Tatsachen?

6.  Stammte Jesus aus der sozialen Unterschicht?

Hier sind die korrekten Antworten

303

Der Geist als evolutive Neuheit wurde möglich durch einen Funktions­wechsel des Gehirns,

Puno, Peru
Puno, Peru


das die Fähigkeit zur Kommunikation in einem Netz erwarb, und durch einen Funktionswechsel dieses Netzes, der es ermöglichte, die beteiligten Individuen zu motivieren und ihre Instinkte zu steuern.

Die Motivationsimpulse im Netz, die Lebensmut verleihen und ohne die die Individuen und sozialen Gruppen nicht lebensfähig sind, wurden als Keimzelle des menschlichen Geistes identifiziert. Auch die Entwicklung bis zu den Anfängen des Geistes spielt sich im Rahmen der darwinschen Evolutionstheorie ab, an ihrem Ende steht aber eine neue Existenzstufe.

Der geistbegabte Mensch verfügt über emergente Eigenschaften, für deren Beschreibung über die biologische Theorie hinaus ein eigenes Regelwerk notwendig wird.

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VI.     Zusammenfassung

These 22

Die Evolution von Gehirn und Geist

Bahnfahrt zum Titicaca-See, Peru
Bahnfahrt zum Titicaca-See, Peru


Die gestellte Aufgabe war, die Evolution des Geistes im Einklang mit der Evolutionstheorie Darwins darzustellen.

Die bisherigen Lösungs­ver­suche auf der Basis der Ko­evolu­tion von Gehirn und Geist wurden verworfen, weil der Geist das bereits fertige Gehirn sachlich und zeitlich voraussetzt und die emergenten Eigenschaften des menschlichen Geistes auf der biologi­schen Ebene der Entwicklung des Gehirns noch keine Rolle spielen können.

Die vorgeschlagene Lösung geht von einem Nacheinander der Evolution des Gehirns und der des Geistes aus. Die Entwicklung des Gehirns mit den Etappen pränatales Wachstum, post­natales Wachstum und vernetztes Gehirn kann nach den Regeln der darwinschen Evolutionstheorie plausibel erklärt werden, ohne die Einwirkung geistiger oder kultureller Faktoren zur Begründung heranzuziehen.

Die Einwirkung des Geistes wäre danach eine zusätz­liche und zur Erklärung nicht unbedingt notwendige Ursache, die nach dem Prinzip von Ockhams Rasiermesser abzulehnen ist.

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These 21

Ausblick

Bahnfahrt nach Machu Picchu, Peru
Bahnfahrt nach Machu Picchu, Peru


Nach den Anfängen des menschlichen Geistes beginnt die Entfaltung der menschlichen Kultur, die nicht mehr unser Thema ist.

Wie der menschliche Geist sich entwickelt, welchen Gesetzen er folgt, welche Abhängigkeit von der biologischen Natur des Menschen besteht, das sind spannende philosophische Fragen, die hier nicht diskutiert werden können.

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Die neue Exis­tenz­stufe des Geistigen bedarf eines anderen Regelwerks,

Schulkinder, Cusco, Peru
Schulkinder, Cusco, Peru


das von den Geistes- bzw. Sozial­wis­sen­schaften erarbeitet wird, dessen Angemes­sen­heit im Detail immer wieder zu prüfen ist.

(Die Abgrenzung der Existenzstufen und das Phänomen der Emergenz werden in der philosophischen Literatur unter dem Stichwort der Schichtenlehre oder Schichtentheorie behandelt, deren bekanntester neuerer Vertreter Nicolai Hartmann ist, vgl. dazu N. Hartmann, Der Aufbau der realen Welt. Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, Berlin 1940, 3. Auflage 1964.)

In These 3 habe ich die Koevolution von Kultur und Gehirn abgelehnt. Hier gibt es ein weiteres Argument für diese Ablehnung: Die Kultur gehört als emergente Eigenschaft zur Existenzstufe des Geistigen. Deshalb konnte sie, als sich das Gehirn entwickelte, das zur biologis­chen Existenzstufe gehört, noch gar nicht vorhanden sein.

Wo die Grenze zwischen den Sphären des Biologischen und des Geistigen verläuft, habe ich hier aufgezeigt.