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Der Autor des Markusevangeliums schreibt nach der Kata­strophe des jüdischen Krieges,

Jesus Seminar Oktober 2009 in Santa Rosa, Kalifornien; In den Straßen von Santa Rosa
Jesus Seminar Oktober 2009 in Santa Rosa, Kalifornien; In den Straßen von Santa Rosa

der Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahre 70 n. Chr. Er fragt: Wie konnte es zu dieser Tragödie kommen?

Warum konnte Gott es zulassen, dass die Heiden die heilige Stadt und den wenige Jahre zuvor fertig gestellten Tempel zerstörten?

Hatte Josephus, der konservative jüdische Historiker, recht mit seiner Schuldzuweisung an die Aufständischen, zu denen auch Christen gehörten?

Waren die Christen in Palästina schuld am Brand Jerusalems unter Titus, dem Sohn und Nachfolger Ves­pasians wie die römi­schen Christen angeblich am Brand Roms unter Kaiser Nero?

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Ein neues Thema:

Das Evangelium des Markus

Jesus Seminar Oktober 2009 in Santa Rosa, Kalifornien; Fahrt nach Santa Rosa, 11. Oktober 2009
Jesus Seminar Oktober 2009 in Santa Rosa, Kalifornien; Fahrt nach Santa Rosa, 11. Oktober 2009

Der ganze Text ist abgedruckt in: Neumann, Johannes: War Jesus Statthalter von Galiläa? Radebeul 2009, S. 43-92. Das Buch kann über den Buchhandel bezogen werden. Weitere Bücher finden sich auf meiner Homepage www.johannesneumann.com

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Heute unterbreche ich den normalen Text, um etwas von mir zu erzählen.

Johannes Neumann, der Autor des Blogs
Johannes Neumann, der Autor des Blogs

Ich bin Johannes Neumann, bin 72 Jahre alt und wohne in der Nähe von Dresden in dem Land Sachsen in Deutschland. Seit meiner Jugend interessiere ich mich für das Christentum, für seine Entstehung und die Bibel.

Beim Studium der protestantischen Theologie kamen mir Zweifel, ob die biblische Darstellung der Entstehung von Judentum und Christentum der historischen Wahrheit entspricht. Später studierte ich Geschichte und befasste mich mit der Dichtung der Griechen und Römer. Meine Hobbys sind Rad fahren und joggen, im Winter Alpin-Ski und Skilanglauf.

Ich freue mich ganz besonders über jeden einzelnen, der meinen Blog liest und Kommentare schreibt. Es ist ganz toll, wenn ihr einen Link zu meinem Blog auf eure Homepage setzt oder mich in eurer Facebook-Gruppe weiter empfehlt. Meine Thesen sollen noch bekannter werden, damit sie in den Diskurs der Theologie Eingang finden.

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11. Jesus als Gott: Das kirchliche und zum verbindlichen Dogma erhobene Denkmodell der Gottheit Jesu

S. Augustin, Quito, Ecuador
S. Augustin, Quito, Ecuador

ist das philosophische Modell der vollständigen Trennung der menschlichen und der göttlichen Natur Jesu. Dieses Modell entsprach der religiösen Verehrung des Kaisers Augustus, dessen Menschsein nie in Zweifel gezogen wurde.

Vielmehr sah man im Wirken des Augus­tus als Mensch für Frieden und Wohlstand das gnädige Wir­ken der göttlichen Mächte und wies dem Augustus in der religiösen Verehrung einen Rang unter den Göttern zu.

Im Dogma der Kirche blieb die menschliche Natur Jesu philo­sophisch unangetastet. Dazu gehörten und gehören sein Leiden und seine Eingebundenheit in die Zusammenhänge von Ur­sachen und Wirkungen seines irdischen Lebens, die erforscht und erklärt werden dürfen und können.

Im Wirken des Men­schen Jesus sahen die Christen – wie die Heiden bei Augustus – das gnädige Wirken der Gottheit und wiesen ihm in der religiösen Praxis von Anfang an den Rang eines Gottes zu.

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6. Die Frauengruppen Maria verweigern die mit der Kreuzigung verbundene damnatio memoriae und treten für ein ehren­volles Begräbnis ein, damit die Seele nach dem Tod im Totenreich zur Ruhe kommen kann, vgl. Sophokles, Antigone.

S. Augustin, Quito, Ecuador
S. Augustin, Quito, Ecuador

Für die alljährlichen Feiern des Begräbnisses Jesu wird in Jerusalem ein Kenotaph (leeres Grabmahl) errichtet.

7. Ostern: Die Johanneskirche, die Jesus als Vorbild für den Neuanfang zu Lebzeiten angesehen hat, sieht Jesus in Vi­sionen. Hier wird das Reich Gottes innerlich: Jesus ermög­licht einen inneren, psychologisch darstellbaren Neubeginn.

8. Pfingsten: Die Petruskirche sieht die beginnende Fische-Ära als Zeichen des Himmels und Jesus als den geweissagten Herr­scher aus Judäa. Das Reich Gottes wird in die (nahe) Zukunft verlegt und mit der Hoffnung auf eine neue, bessere Schöpfung verbunden.

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16.     Zusammenfassung:
Die Stationen der Jesusverehrung

Das Galiläa zur Zeit Jesu kann als ein verkleinertes Modell des Römischen Reiches

S. Augustin, Quito, Ecuador
S. Augustin, Quito, Ecuador

hinsichtlich des Ost-West-Gegensatzes, der sozialen Schich­tung und der geistigen Kultur angesehen werden. Außer­dem erfolgte der Übergang von der Herrschaft der Aristokratie zur Monarchie hier ebenso wie in Rom im Zeitalter des Augustus.

Die Leistung des historischen Jesus bestand darin, dass er Grundzüge einer einheitlichen – später christlich genannten – Kultur für Galiläa schuf, die die kulturellen und sozialen Gegensätze ausglich und die vorbildlich für das Imperium war.

Die religiöse Umsetzung der jesuanischen Kultur erfolgte aber erst durch die Apostel, die literarische Ausformulierung in den Evangelien.

Die Stationen der Jesusverehrung:

1.  Landesvater in Galiläa: Jesus verwirklicht seine Ideale von Wohlstand und Versöhnung in Galiäa, besonders in der Modellstadt Tiberias. Nach dem Vorbild des augusteischen Rom gestaltet er einen antiken Musterstaat. Die Bewohner Galiläas, die Nutznießer seiner Politik sind, ver­ehren ihn.

2. Vom Volk gewählter Tetrarch (Messias) in Caesarea Philippi.

3.  Erhoffter Messias Israels (Aufstand).

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6. In Jerusalem wurde ein Kenotaph (Leergrab),

S. Augustin, Quito, Ecuador
S. Augustin, Quito, Ecuador

ein Grabmal ohne Leich­nam, für Jesus errichtet, dort entstanden die Berichte vom leeren Grab Jesu.

7. Für die Johanneskirche war Jesus schon zu Lebzeiten der, der – im Sinne der Mysterien – den Tod des alten und die Auferste­hung eines neuen Menschen gewagt hat­te.

Die Visionen des Auferstan­denen waren eine Folge dieser Vor­­stellung, vielleicht zusätzlich beeinflusst durch Rauschmittel wie Alkohol oder Mutter­korn, die in den Mys­te­rienkulten belegt sind.

8. Die Himmelfahrt Jesu stellte den älteren Erhöhungsmythos erzählerisch dar, Lukas begrenzte die echten Auferstehungs­visionen auf die Zeit von 40 Tagen nach dem Tod Jesu, offenbar nahm die Anzahl der Berichte von Begegnungen mit dem Auferstandenen inflationär zu.

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15.     Die Passionslegende

Die Passionsgeschichte, die uns bei Markus und den anderen Evangelisten überliefert wird,

S. Franzisco, Quito, Ecuador
S. Franzisco, Quito, Ecuador

war von Anfang an ein heiliger Text, be­stimmt zum Vorlesen in den Gottesdiensten der frühen Christen. Das Abendmahl wurde in der in der Passions­geschichte überlie­ferten Form gefeiert, Szenen wie der Einzug in Jerusalem, die Verurteilung, die Kreuzigung wurden nach­ge­stellt, manchmal auch die ganze Passions­ge­schichte gespielt.

Die Details der Passionslegende stammen zumeist aus der Über­lie­ferung der Einzelkirchen, daher auch die kritischen Äußerun­gen über die jeweilige Apostelkonkurrenz, wenige Einzel­hei­ten beru­hen auf histori­scher Überlie­ferung.

Die ganze literari­sche Einheit wurde gestaltet im Hinblick auf den Zweck: die religiöse Erbau­ung der Gemeindemitglieder. 

1.  Aus der Petruskirche stammten die Erzählungen von der Abend­mahlsfeier und dem Verrat des Judas, da sie die Aufständi­schen, die sich an Judas dem Galiläer orientierten, für die Hinrichtung Jesu verant­wort­lich machte.

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5. Aber auch Antipas erhielt seine gerechte Strafe, so jedenfalls sah es das Volk

La Compania, Quito, Ecuador
La Compania, Quito, Ecuador

nach dem Bericht des Josephus in den Altertümern 18,5,2. Der nabatäische König Aretas, dessen Tochter Antipas ver­stoßen hatte, um Herodias zu heiraten, sah in der Armenien­krise und im Jesusaufstand die Chance, die Schmach seiner Tochter zu rächen, ohne römische Vergel­tung befürchten zu müssen.

Er überzog Antipas mit Krieg und vernichtete ein Heer des Fürsten, der sich beim Kaiser über Aretas beschwer­te. Aber noch bevor Vitellius die obligate Strafaktion ausfüh­ren konn­te, war Tiberius gestorben.

6. Am 16. März 37 n. Chr. starb Kaiser Tiberius in Campanien. Auch bei den Römern war er nicht beliebt: Tiberium in Tiberim, in den Tiberfluss mit Tiberius, sangen die respekt­losen Haupt­städter.

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3. Vitellius besuchte 36 oder 37 n. Chr. Jerusalem und ordnete die religiösen Angelegenheiten neu.

S. Franzisco, Quito, Ecuador
S. Franzisco, Quito, Ecuador

Er entließ den aus den Evangelien bekannten Hohenpriester Kaiphas und übergab das Amt an Jonathan, den Sohn des Ananus.

Vitellius er­laubte, die Gewänder des Hohen­priesters, die seit der Zeit Herodes‘ des Großen von den weltlichen Herrschern verwahrt wurden, wieder im Tempel unter der Obhut der Priesterschaft aufzubewahren.

4. Am Anfang der Armenienkrise hielt sich Herodes Antipas zurück. Dem Jesus-Aufstand stand er machtlos gegenüber, hielt aber zu den Römern und verschloss den Aufständi­schen die Städte, was erst bei einer längeren Dauer des Aufstands zu Konflikten hätte führen können.

Im Fall Johannes des Täufers ent­schloss sich Antipas zum Handeln und ließ ihn enthaupten, bevor er eine Rolle im Aufstand hätte spielen können.

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Aber nun zuerst die von nichtchristlichen Autoren verbürg­ten Ereignisse:

Kloster S. Franzisco, Innenhof, Quitor
Kloster S. Franzisco, Innenhof, Quitor

1. Nach der Niederschlagung des Aufstands schickte der Hohe Rat der Samaritaner vermutlich im Frühsommer 36 n. Chr. eine Abordnung zu Vitellius nach Antiochia.

Pilatus wurde ange­klagt, den Aufstand zu Unrecht militärisch bekämpft zu ha­ben. Das Aufbegehren der Bevölkerung habe sich nicht gegen die Römer, sondern nur gegen die ungerechte Amts­füh­rung des Pilatus gerichtet (Josephus, Altertümer 18,4,2).

Handelte es sich also nicht um einen Aufstand, sondern nur um eine Bürger­initiative gegen Pilatus, um eine Sitzblockade am heiligen Berg? Die Samaritaner schlugen zwei Fliegen mit einer Klappe.

Einerseits machten sie gut Wetter für Samarien, denn noch war die Lage angespannt und eine Strafaktion des Vitellius nicht ganz ausgeschlossen. Andererseits schossen sie gegen Pilatus, um den unbeliebten Statthalter loszuwerden.

2.  Vitellius mochte die Ergebenheitsadresse der Samaritaner nicht ungelegen kommen. Wenn ein neuer Herrscher oder Statthalter im Amt war, war es üblich, dass die Honoratioren des Herrschaftsgebietes ihm ihre Aufwartung machten.

Die Demutsadresse der Samaritaner entsprach deshalb den üb­lichen Gepflogenheiten. Vitellius hatte für den Kaiser die Aufgabe übernommen, den Osten mit Zuckerbrot und Peit­sche zu befrieden.

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14.     Nach dem Tod Jesu: die historischen Ereignisse

Als Tiberius am 18. Oktober 31 n. Chr. die kaiserliche Gewalt durch die Entmachtung Sejans wieder herstellte,

Vulkan Pichincha, nach dem Bad in der Schwefelquelle
Vulkan Pichincha, nach dem Bad in der Schwefelquelle

war es ent­schei­dend für das Gelingen der Aktion, dass Sejan sofort hinge­richtet wurde. Sonst hätte der ehemals mächtigste Mann in Rom seine Getreuen mobilisieren und Gegenmaß­nah­men treffen kön­nen.

Auch Jesus wird sofort gekreuzigt, die Bestattung seines Leich­nams verhindert, um die Aufständischen ihrer Führerfigur zu berauben und die Rebellion im Keim zu ersticken.

Nun geschieht aber etwas Merkwürdiges, was den Mythos Jesus am Leben erhält: Die Feinde Jesu können sich des Sieges über ihn nicht lange erfreuen. Pilatus und Kaiphas werden abgesetzt, auf Pila­tus wartet ein Prozess vor dem Kaiser.

Herodes Antipas muss eine demütigende Niederlage hinnehmen, wird später abgesetzt und verbannt, der verhasste Kaiser Tiberius selbst stirbt wenig später.

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13. Zurück zur großen Politik: Tiberius hatte 35/36 n. Chr. durch römische Bundesgenossen

Vulkan Pichincha, Abstieg zur heißen Quelle
Vulkan Pichincha, Abstieg zur heißen Quelle

die Parther aus Armenien vertrei­ben und den Großkönig Artabanos III. durch den an­fangs erfolgreichen Gegenkönig Tiridates in Bedrängnis brin­gen kön­nen. Der Kaiser ernannte L. Vitellius zum Legaten und Chef des römischen Heeres in Syrien und zum Ober­befehls­haber im Krieg gegen die Parther.

14. Pilatus beobachtete die Krise in Armenien und die Ereignisse im parthischen Großreich genau. Er hatte bei seinem Kaiser wegen der engen Kontakte zum gestürzten Sejan eine Scharte auszuwetzen und war entschlossen, seine Chance zu nutzen, sobald sich eine Möglichkeit dazu bieten wür­de.

Pilatus kannte die Ge­fahr, die von den Nachrichten über parthische Siege und römische Nieder­lagen ausging. Die Orientalen und die Juden im Besonderen waren in seinen Augen unsichere Kantonisten, denen man die römische Macht vor Augen stellen musste.

Während die Aufständischen noch von den parthischen Sie­gen schwärmten, kannte Pilatus die neueste Nachrichtenlage. Und die war günstig für Rom.

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11. Das ganze flache Land (nicht die Städte) jubelt Jesus zu,

Vulkan Pichincha, Abstieg zur heißen Quelle
Vulkan Pichincha, Abstieg zur heißen Quelle

er zieht im Frühjahr 36 n. Chr. im Triumph durch Palästi­na. – Man wird sich eine Situation vorstellen können, die der Napo­leons ähnelt, als dieser im März 1815 aus der Verbannung auf der Mittelmeerinsel Elba nach Frankreich zurückkehrte.

Jesu Anhänger bereiten ihm einen rauschenden Empfang, aber die politisch Verant­wort­lichen bleiben reser­viert, die Stadt­tore verschlos­sen, Markus 1,45. Anders als Napoleon ist Jesus kein militärischer Führer, aber auch seine Faszina­tion beruht auf den Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlich­keit.

Auch Jesus hat wie Napoleon eine traditionelle Adelsgesell­schaft zugunsten einer Monarchie zu Grabe getragen, in der das Bürgerrecht und die Chance, sich eine bürgerliche Existenz aufzubauen, plötzlich allen Menschen offen standen.

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8. Die biologische Uhr tickte, als drittes Ereignis ist der erste Tod

Vulkan Pichincha, Abstieg zur heißen Quelle
Vulkan Pichincha, Abstieg zur heißen Quelle

eines regierenden Herrschers zu vermelden, 34 n. Chr. stirbt der Tetrarch Philippus, seine Tetrarchie mit der neu erbauten Hauptstadt Caesarea Philippi bleibt vorerst führerlos.

9.  Während die bisherigen Krisen schnell unter Kontrolle ge­bracht werden konnten, beginnt im Jahr 35 n. Chr. eine Kri­se, die den ganzen Osten des Römischen Reiches in Aufregung versetzt.

In diesem Jahr stirbt der armenische König Artaxias, der mit Rom befreundet war. Der parthische Großkönig Arta­banos III. erwartet unter dem alternden Kaiser Tiberius den Niedergang Roms, erobert die armenische Haupt­stadt Arta­xata und setzt seinen ältesten Sohn Arsakes als armenischen König ein (Tacitus, Annalen 6,31 ff, Josephus, Alter­tümer 18,4,4).

Auf das Ende der römischen Macht im Osten werden Wetten angenommen.

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5. Die Anklage gegen den Statthalter Jesus lautet auf Religions­frevel

Vulkan Pichincha, Abstieg zur heißen Quelle
Vulkan Pichincha, Abstieg zur heißen Quelle

(1. Könige 21,10, Markus 14,64), ein probates Mittel im politi­schen Ränkespiel der Zeit. Auch dem Philosophen Sokra­tes warf man Gottlosigkeit (asebie) vor, und von dem Fabel­dichter Äsop erzählt die Legende, dass die Delpher dem Dichter eine Falle stellten und ihn wegen Missachtung der Götter steinigten (siehe Abschnitt 8).

6. Die Entmachtung Jesu ist geglückt, seine Ermordung, falls sie geplant war, nicht. In 1. Könige 13 erhebt der König Jero­beam seinen Arm gegen einen Mann Gottes, der Arm wird steif, sodass er ihn nicht bewegen kann. Die Augen und Ohren eines Herrschers sind seine Spitzel, der Arm seine Polizeikräfte.

Die Polizeikräfte des Königs in der Erzählung im Alten Testament verweigerten also den Befehl, Antipas mag es ähnlich ergangen sein, denn die Wundergeschichte von Markus 3,1ff spielt auf 1. Könige 13 an.

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3. In Rom führen die Bemühungen Sejans, die sozialen Schran­ken

Vulkan Pichincha, Hügel über d. Hauptschlot
Vulkan Pichincha, Hügel über d. Hauptschlot

zwischen dem Ritterstand und dem kaiserlichen Hochadel zu überwinden, in die persönliche Katastrophe. Tiberius lässt Sejan am 18. Oktober 31 n. Chr. absetzen und sofort hinrich­ten und stellt die alte Machtordnung mit dem Kaiser an der Spitze wieder her.

Die Entmachtung Sejans schwächt in Palästina die Position Jesu und die des Pilatus. Jesus hat in Galiläa eine ähnliche Machtstellung, wie sie Sejan in Rom gerade zum Verhängnis wurde.

Die Gegenspieler Jesu haben nun neue Argumente gegen die Machtfülle des Statthalters Jesus in der Hand. Pilatus ent­stammt als römischer Ritter derselben Gesell­schafts­schicht wie Sejan und musste offiziell mit ihm zu­sam­men­arbeiten.

Da nun in Rom alle Kontakte Sejans überprüft werden, besteht für Pilatus ein Risiko, das ihn zwingt, alles zu tun, um in seiner Amts­führung zukünftig jeden Fehler zu vermeiden.

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13.     Die Passion: die historischen Ereignisse

Der Konflikt zwischen Rom und den Parthern 35/36 n. Chr. bildete die welt­historische Kulisse

Vulkan Pichincha, Schwefeldämpfe
Vulkan Pichincha, Schwefeldämpfe

für den Tod Jesu. In der Armenienkrise, die 35 n. Chr. ausbrach, wurde dieser Konflikt auf dem Boden der Klientel- oder Pufferstaaten von Armenien bis Palästina ausgetragen.

In Paläs­ti­na war die Lage durch die voran­gegangene Entlassung des populären Statthalters Jesus in Galiläa und den Tod des angesehenen Tetrarchen Philippus zu Beginn des Jahres 35 n. Chr. noch immer instabil.

Der orien­talische Teil der Bevölkerung wartete nur auf ein Zeichen römi­scher Schwäche, um sich – wie zwei Generationen zuvor gegen Herodes den Großen – mit einem nationalen Königtum unter die Oberhoheit des parthischen Großkönigs zu stellen.

Durch die Annalen des Tacitus und die Altertümer des Josephus sind wir über den weltpolitischen und den regionalen Konflikt in den Gründzügen informiert. Mit der Annahme, dass Jesus der samaritanische Prophet und Statthalter des Antipas war, können wir die Voraussetzungen und die Ereignisabfolge, die zum Tod Jesu führten, wesentliche besser verstehen.

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Als später der neutestamentliche Kanon zusammen­gestellt wird, wird jede der drei Apostelkirchen

Vulkan Pichincha, Krater im Krater (Ausbruch 1982)
Vulkan Pichincha, Krater im Krater (Ausbruch 1982)

und als vierte die hellenistische Pauluskirche mit einem Evangelium und anderen Schriften vertreten sein. Kriterium für die Aufnahme in den Kanon ist die Ausgewogenheit der Herkunft aus den Teilkirchen und das Eintreten der Schriften für die Einheit der Kirche.

Deshalb wurden die Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes aufgenommen, dazu die Apostel­geschichte, die Offenbarung und die Briefsammlungen der Einzelkirchen.

Der Brief an Philemon und 3. Johannesbrief gehörten und gehören in den Kanon, weil sie die Einheit der Gesamtkirche in sozialer Hinsicht (Philemon) und in Glaubens­fragen (3. Johannes) beto­nen.

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Das Selbstzeugnis des Markus über sein Evangelium:

Vulkan Pichincha, Weg zum Krater im Krater
Vulkan Pichincha, Weg zum Krater im Krater

In der Erzählung von der Verklärung (Markus 9,2-13) nimmt Jesus die Jünger Petrus, Johannes und Jakobus mit sich auf einen hohen Berg. Jesus wird vor den Jüngern in eine Geist­erschei­nung verwandelt und steht neben den gleichfalls erschienenen Mose und Elia, und diese reden mit ihm.

Petrus will drei Hütten (= drei Tempel, drei Kirchen) bauen, für Mose eine, für Elia eine und eine für Jesus. Aber die Vision ist zu Ende, die Jünger sind wieder mit Jesus allein.

Markus hebt Jesus über die Jünger hinaus, Jesus steht in einer Reihe mit den mythischen Gestalten des Judentums, Mose und Elia, er ist selbst zum Mythos gewor­den.

Markus trifft aber auch eine Aussage über sein Evangelium: Über Mose berichten die Mosebücher, über Elia und die Prophe­ten die Königs- und die Propheten­bücher des Alten Testaments.

Über Jesus berichtet das Markusevangelium, und zwar mit der gleichen Autorität wie die Schriften des alten Bundes.