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(Fortsetzung) 3. Die Theologie sucht immer den idealen Jesus. Sie achtet streng darauf,

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dass das Jesus-Bild in jedem Zeitalter als Vorbild dienen kann. Deshalb muss es unbedingt poli­tisch und kirchlich-dogmatisch korrekt sein. Als der Antisemitis­mus im 19. Jahrhundert weit verbreitet war, wurden Jesus häufig kriti­sche Aussagen über das Judentum zugeschrieben. Das wäre heute undenkbar, heute erfordern die politische Korrektheit und die Vorbildfunktion Jesu, dass die Kirche Jesus als frommen Juden darstellt.

 

  1. Die Theologie bestreitet eine literarische Abhängigkeit der Evan­gelien von heidnischer antiker Literatur, um die Historizität der Erzählungen zu sichern (so das neue theologische Konzept des „erinnerten Jesus“).

 

5. Das Jesusbild der Theologie ist ohne den Bezug auf Gott nicht plausibel.

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Warum unterscheidet sich mein Jesusbild?

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vom Jesusbild der Theologie? Ich frage nach dem Menschen Jesus, der vor 2000 Jahren gelebt hat. Die Theologie fragt, wie die Kirche die Botschaft Jesu heute verkündigen kann, und behauptet die Identität der heutigen Verkündigung mit der Botschaft des historischen Jesus.  Den Unter­schied möchte ich in vier Punkten darstellen:

 

Wie entstand das Jesusbild der Theologie?

  1. Die Theologie versteht die biblischen Legenden über Jesus als historische Berichte, die sie behutsam einem modernen Verständ­nis anpassen muss. Es geht darum, den „garstigen historischen Graben“ (Lessing) zu überwinden, der unsere heutige Zeit von der Jesus-Zeit trennt.

 

2. Das 19. Jahrhundert verstand Jesus nicht mehr als Gott, aber doch als religiöses Genie, und dazu gehörte, dass er die zentralen Aussagen seiner Botschaft nicht von anderen übernommen, son­dern selbst gefunden hatte. Deshalb lehnt es die Theologie bis heute ab, geistige Einflüsse aus der heidnischen antiken Welt auf Jesus zuzugeben. Das „Copyright“ für die christliche Botschaft muss unbedingt bei Jesus selbst liegen.

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(Fortsetzung) Theologische Arbeiten un­ter­liegen grundsätzlich dem Ideologieverdacht,

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das heißt sie können im geschichts­wissen­schaftlichen Sinne nicht objektiv sein, weil sie das Leben Jesu im Sinne der Kirche und ihrer Verkündigung dar­stellen und darstellen wollen (herme­neutischer Zirkel!).

 

Ich musste deshalb bei meinen Untersuchungen völlig bei null anfangen. Das betrifft vor allem die Quellen, aber auch die Ereignisgeschichte, die Wirkung, die Literaturgeschichte und die unmittel­bare, zur Ereignisgeschichte gehörende Umwelt.

 

Etliche Ergebnisse habe ich bereits in früheren Arbeiten publiziert. Natürlich habe ich vom aktuellen Stand der theologischen Jesus- und Bibelforschung profitiert und sie dankbar, aber kritisch genutzt. Daneben stütze ich mich vor allem auf die neueren Arbeiten zur klassischen Philologie und zur Geschichte der frühen Kaiserzeit.

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Mein Problem: Ich musste bei null beginnen, denn die theologische Jesusforschung

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steht wegen Ihrer Nähe zur Kirche unter Ideologie­verdacht. Jenseits des theologischen Geniekults um den Religions­stifter Jesus und jenseits der überholten These, es seien Männer, die Geschichte machten, sind es die üblichen Fragen des Historikers, die zu beantworten sind: Quellen, Umwelt, Ereignis­geschichte, Wirkung, Literaturgeschichte der Quellentexte.

 

Üb­licher­weise kommt danach die Frage nach dem aktuellen Forschungstand. Das Thema Jesus und Urchristentum wird aber wissenschaftlich fast nur von theologischer Seite bearbeitet, nichttheologische Arbeiten sind ausnahmslos abhängig von der Quellenaufbereitung der Theologen.

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Mein Sonderweg

Mein Vorteil: meine Unabhängigkeit von der Kirche. Die Theologen

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legen die Bibel im Sinne der christlichen Dogmatik und der heutigen kirchlichen Bedürf­nisse aus. Das kann ihnen keiner verwehren. Eine historische Erforschung der Bibel muss aber andere Schwerpunkte setzen und andere Maßstäbe anlegen.

 

Historisch ist gerade die Vielfalt, die dogmatisch zugunsten der christlichen Einheit übermalt wurde, interessant. Historisch sind die häretischen Aussagen in der Bibel und außerhalb der Bibel interessant. Deren Erforschung und Würdigung ist, das muss man leider sagen, für Theologen nicht karrierefördernd. Wer kann es ihnen verdenken, wenn sie davon die Finger lassen?

 

Hier liegt mein Vorteil, weil ich finanziell und emotional von der Kirche unabhängig bin, kann ich viele Dinge unbefangen erforschen und beschreiben.

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Das Urchristentum ist eine zwangsläufige Erscheinung des 1. Jahrhunderts n. Chr. Das Aufkommen

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des römischen Kaisertums und die damit verbundenen neuen sozialen Regeln erforderten eine Religion, die die neuen sozialen Normen religiös absegnen konnte. Das Zusammenleben vieler Völker und Kulturen im Römi­schen Reich beförderte Religionen, die für alle Kulturen annehm­bar waren.

 

Hätte es das Frühchristentum nicht gegeben, hätte eine andere Religion dessen Stelle eingenommen. Ein Versuch in dieser Hinsicht wurde mit dem Kaiserkult in Kleinasien gemacht. Weil das Urchristen­tum eine notwendige Erscheinung des frühen Kaiser­reiches war, kann und muss es als historisches Phänomen erforscht werden jenseits der theo­logischen Prämissen.

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Das Urchristentum: eine zwangsläufige Erscheinung der frühen
römischen Kaiserzeit

Meine Antwort auf die Frage, ob das Urchristentum

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eine notwen­dige Vernunftwahrheit oder eine zufällige Geschichts­wahrheit ist, geht zurück auf die Lösung, die 1900 Jahre lang im Christentum favorisiert wurde. Den biblischen Autoren ist die freischwebende Gottheit (Gott als der „ganz andere“) der protestantischen Theologie nach dem Ersten Weltkrieg fremd. Für sie ist Gott immer bezogen auf die Welt und auf die menschliche Geschichte.

 

Das Urchristentum sieht sich selbst fest verbunden mit der Zeit, in der Jesus und die Apostel auftraten. Deshalb werden die jüdischen Herrscher, die römischen Statthalter und die Kaiser namentlich genannt. Deshalb wird Bezug genommen auf astronomische Erscheinungen wie den Stern von Bethlehem (große Konjunktion 7 v. Chr.) und den Wechsel des Frühjahrssternbildes.

 

Das Urchristentum ist überzeugt, dass Gott Mensch wurde, und zwar in der frühen römischen Kaiserzeit, in der historischen Person Jesus (Johan­nes-Prolog). Die Theologie ist auf dem Holzweg, wenn sie versucht, aus Jesus einen Mythos zu machen (Bultmann), aus dem Stern von Bethlehem eine Legende und aus dem neuen Zeitalter, das mit Jesus und den Jüngern begann, eine religiöse Phantasie.