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Was bedeutet die geänderte Sicht auf das Urchristentum? Die Sendung des Gottessohnes in die Welt

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wurde in der protestan­tischen Theologie nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr als vernunftgeleitete Ent­schei­dung Gottes angesehen, sondern als eine völlig freie Willens­ent­scheidung des von allen histori­schen Zwängen befreiten souveränen Gottes. Gott hätte Jesus also auch 500 Jahre früher oder 1000 Jahre später in die Welt senden können.

 

Aus der notwendigen Vernunftwahrheit Urchristentum war eine zufällige Geschichtswahrheit Jesus geworden. Die protestantische Jesus­forschung „befreite“ Person und Botschaft Jesu von allen seinen geistes­geschicht­lichen Voraussetzungen und histori­schen Begleit­um­stän­den.

 

Jesus stand plötzlich als erratischer Block in einer historischen Landschaft, mit der er nicht kommunizierte. Die Bemühungen, Jesus vom Judentum her zu verstehen, konnten diesen Eindruck nicht wirklich entkräften.

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Dann kam der Erste Weltkrieg, danach war alles anders. Der christliche Kulturkonsens

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wurde infrage gestellt. Die Geschichte wurde nicht mehr als von Vernunft geleitete Entwicklung verstanden, sondern als chaotische Entwicklung. Die protestantische Theologie hielt an der Vorstellung fest, dass Gott die Geschichte lenkt, die aber offenbar nicht mehr vernunft­geleitet, sondern chaotisch ablief.

 

Sie konnte den „Willen Gottes“ deshalb nicht mehr als historische Zwangs­läufigkeit verstehen, sondern betonte das Erratische im Willen Gottes, die Freiheit Gottes und stellte Gott der chaotischen Welt und Weltgeschichte gegenüber.

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Wenn die Umwandlung des Römischen Reiches in eine kaiserliche Monarchie durch die historischen Umstände bedingt,

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also geschichtsnotwendig war, war die Entstehung des Christentums am östlichen Rand des Imperiums, an der Konfliktlinie zu den Parthern, die den Orient beherrschten, nicht ebenfalls durch die historischen Umstände bedingt, also geschichtsnotwendig? Paulus und die frühen Christen sahen es jedenfalls so und nannten die erlebte und beobachtete Zwangsläufigkeit der Ereignisse den „Willen Gottes“.

 

Die Entste­hung, Entfaltung und historische Entwicklung des Christentums hatte bis zum deutschen Idealismus und zur liberalen Theologie des 19. Jahrhunderts als Vernunftwahrheit gegolten, bei Georg Friedrich Wilhelm Hegel als Entfaltung des – natürlich christlich gedachten – Weltgeistes in der Geschichte.

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Die frühen Christen machten den Wechsel des Zeitalters am Wechsel des Frühjahrssternbildes

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weg vom Widder hin zu den Fischen fest. Was sagen die Historiker? Im Zeitalter Konstantins fällt die Aussage nicht schwer, das Christen­tum des 4. Jahrhundert n. Chr. habe die besten Vor­aus­setzungen für eine reichsweite Religion mitgebracht.

 

Aber das Urchristentum des 1. Jahrhunderts n. Chr., eine kleine jüdische Sekte, so unbedeutend, dass Flavius Josephus sie übersah? Oder müssen wir vielleicht doch umdenken? Hat Jesus selbst, nicht erst Paulus, den Grundstein gelegt für das römische Christentum? Ist das Christentum vielleicht doch mehr als ein jüdischer Ableger? Ist der religiöse Schmelztiegel Palästina, das Sammelbecken kultureller und religiöser Einflüsse vielleicht doch der zwangsläufige Nähr­boden einer neuen Religion?

 

Ist das Zeitalter des Augustus, der das im Bürgerkrieg versunkene Imperium in ein Kaiserreich umgestal­tete und neue soziale Maßstäbe setzte, möglicherweise der zwingende Grund, eine neue Religion ins Leben zu rufen? Könnte das kleine Galiläa, wo sich der Zusammenprall der Kulturen des Ostens und des Westen, wie im Modell und viel früher als im römischen Gesamtreich ereignete und wo ein Ausgleich viel früher notwendig wurde, ein kulturelles und religiöses Modell für das Römische Reich abgegeben haben, das mit denselben Konflikten erst später konfrontiert wurde?

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Notwendige Vernunft- und zufällige Geschichtswahrheiten

Das eigentliche Problem, das der Historiker des Frühchristentums lösen muss, liegt aber tiefer. Wenn das Christentum

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nicht durch eine höhere Macht gesetzt ist, ist seine Entstehung dann zufällig oder geschichtsnotwendig? Ist es, um mit Lessing zu sprechen, eine zufällige Geschichtswahrheit oder eine notwendige Vernunft­wahrheit? Anders formuliert: Ist die Entstehung des Christentums ein zwingendes Erfordernis der Zeit oder ein eher zufälliges Ereignis?

 

Paulus sagt in Epheser 1,10, Gott sandte seinen Sohn, als der rechte Zeitpunkt dafür, der Kairos, erfüllt war. Das Neue Testament ist wohl der Meinung, es sei die freie Willens­entschei­dung der Gottheit, die Menschheit durch seinen Sohn Jesus zu retten, Gott habe sich allerdings durch seine Güte sozusagen in Zugzwang gesetzt, sein Vorhaben auch auszuführen.

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Die Bibel ohne die Hypothese Gott erklären

Mein Ziel ist eine wissenschaftliche Erforschung

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und Darstellung der jüdisch-frühchristlichen Ereignisgeschichte, der Religions­- und Literatur­geschichte der Bibel. Worin besteht der Unterschied zur theolo­gischen Erforschung der Bibel? Ich suche nach wissen­schaft­lichen Ergebnissen, die für christ­liche und atheistische Wissen­schaftler gleichermaßen plausi­bel sind. Vor allem versuche ich Bibel und Urchristentum ohne die Hypothese Gott zu erklären.

 

Deshalb ist für mich das Argument, nur Christen könnten die Wahrheit und Schönheit des christlichen Glaubens verstehen, kein wissen­schaftliches Argument. Deshalb ist für mich das Argument, es gäbe nur christliche Quellen über das Urchristentum und deshalb müssten wir die christliche Anschau­ung dieser christlichen Quellen übernehmen, nicht nachvollziehbar.

 

Die mir gestellte Aufgabe formuliere ich so: Erforschung und Darstellung der Entstehung der Bibel und des Urchris­tentums hinsichtlich Ereignis-, Ideen- und Litera­tur­geschichte als inner­welt­liches Geschehen.

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(Fortsetzung 3) 4. Sigmund Freud beschreibt den Menschen als Kräfte­dreieck von ICH, ES und ÜBERICH. In der Psychologie

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kann man natürlich auch viele andere Formulierungen antreffen, auf die Einzelheiten kommt es nicht an. In den Beschreibungen der biblischen Personen wird häufig gegen grundlegende Regeln der psychologischen Beschreibung von Menschen verstoßen, so dass die historische Glaubwürdigkeit des Erzählten leidet.

 

Eine moderne Ergänzung psychologischer Eigenschaften führt aber häufig zu romanhafter Ausschmückung, die von dem in den Texten überlieferten Sachverhalt abweicht. So wird aus Petrus der engagierte, schnell jähzornige Jünger, aus Jesus der überaus liebenswerte Messias. Beides trifft den historischen Sachverhalt nicht.