271

Bei Primaten korreliert die Gruppengröße mit der Gehirngröße, bei anderen Säugetieren und bei Vögeln ist das nicht der Fall.

Machu Picchu, Peru
Machu Picchu, Peru


Dort lässt sich aber feststellen, dass die monogam (in Paarbindung) lebenden Arten ein größeres Gehirn haben als die polygam lebenden Arten. Dunbar deutet diesen Befund so,

daß der ursprüngliche Anreiz zur Evolution größerer Gehirne in der Entwicklung einer Paarbindung zu finden ist, die gewöhnlich mit der Tatsache einhergeht, daß beide Elternteile den Nachwuchs versorgen (…)

Wir stellen uns vor, daß für den Fall, daß sich die Paarbindung etabliert, zu größeren Gehirnen geführt und die kognitive Fähigkeit hervorgebracht hat, mit komplexen Verhältnissen (Relationen) umzugehen, es den Prima­ten gelungen ist, diese kognitiven Fähigkeiten dadurch auszunutzen, daß sie sie so verallgemeinerten, daß sie allen Mitgliedern der sozialen Gruppen zur Verfügung standen. (S. 249f)

So konnten mit dem größeren Gehirn, das in der Paarbindung entwickelt wurde, auch komplexere Sozialsysteme mit Freunden, also mit nicht reproduktiven Partnern bewältigt werden.

270

Je größer das Gehirn, genauer: der Neocortex (stammesgeschichtlich jüngster Teil der Großhirnrinde), bei einer Primatenart ist,

Machu Picchu, Peru
Machu Picchu, Peru


umso größer ist die Gruppe, in der diese Primatenart leben kann. Das heißt: die Größe des Gehirns ist abhängig von der Anzahl der sozialen Kontakte, die die Individuen dieser Art bewältigen. Dunbar schreibt weiter:

Das ihr zugrundeliegende Argument lautet, daß die gesuchte Erklärung in der Tatsache steckt, daß Primaten über komplexere soziale Systeme als andereDarüber hinaus haben weitergehende Analysen ergeben, daß eine Reihe von Verhaltensmustern, die besonders mit der sozialen Komplexität von Primaten assoziiert sind, ebenfalls mit der relativen Größe des Neocortex korreliert sind.

Dazu gehören die Größe der Grooming Clique (Grooming: gegenseitige Körper- bzw. Fellpflege), der Einsatz von alternativen Paarungsstrategien bei Männchen, der Rückgriff auf Koalitionen und Allianzen, das Manöver des taktischen Betrugs und die Qualität des sozialen Spielens. (S. 247f)

269

These 10

Das soziale Gehirn

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


Mit der Gehirngröße von Affen nimmt auch die mögliche Größe der sozialen Gruppe zu, da die Individuen mit den größeren Gehirnen soziale Beziehungen zu einer größeren Anzahl von Gruppenmitgliedern herstellen und pflegen können (Robin Dunbar).

Der Vorteil der größeren sozialen Gruppe und der Vorteil der größeren Kontaktfähigkeit führen zu einer Selektion der Individuen und der Gruppen mit den größeren Gehirnen. Die Selektion fördert das Gehirnwachstum, das wird von den Hominidenfossilien bestätigt.

Erläuterung:

Das Gehirn ist ein teures Organ, weil es viel Energie verbraucht, die von den Lebewesen beschafft werden muss. Warum hat es sich in der Evolution trotzdem ausgezahlt hat, in große Gehirne zu investieren?

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268

Ein weiteres Phänomen, das Achim Peters beschreibt, ist das Body-Down­sizing,

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


das sich bereits bei niederen Wirbeltieren, etwa Fischen, nach­weisen lässt. Bei Nahrungsknappheit oder einer langwierigen Erkran­kung bildet sich Gewebe zurück. Peters:

In der Geschichte der Gattung Mensch, die vom Homo australopithecus, über den Homo erectus bis zu uns reicht, gab es indes lang anhaltende Krisen­perioden wie Eiszeiten und Dürreperioden (…)

Betrachten wir die Zeit vor 50 000 Jahren als ein Beispiel für eine solch lang andauernde Versor­gungskrise in der Stammesgeschichte des Menschen, so ist sie möglicherweise die Ursache dafür, das sich beim modernen Homo sapiens der Körper nachhaltig umbaute, filigraner wurde und so dem Gehirn einen größeren Energiezugang verschaffte. Dafür spricht, dass vor etwa 50 000 Jahren mit Beginn der letzten Eiszeit ein fortschreitendes Body-Downsizing einsetzte. (S. 49)

In der These 9 ging es um die Sonderstellung des Gehirns unter den Organen der Tiere und des Menschen. Der hohe Energieverbrauch macht es für ein Lebewesen zu einem riskanten Organ. Nur wenn große Vorteile auf der Habenseite zu verbuchen sind, lohnt sich der Aufwand.

„268“ weiterlesen

267

Die Vergrößerung des Gehirns hat in der Evolution aber nicht nur bei Affen und Hominiden stattgefunden,

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


sondern scheint ein allgemeines Prinzip der Evolution zu sein. Carel van Schaik und Karin Isler erläutern im Anschluss an das oben genannte Zitat die Probleme, die Tiere mit dem Wachstum und dem Unterhalt ihrer Gehirne haben und schreiben dann:

Darum gibt es gute Gründe anzunehmen, daß jede Tierart jeweils das größte Gehirn hat, das sie sich energetisch leisten kann. Trotz dieser Kosten hat sich die Hirngröße über evolutionäre Zeiträume schrittweise vergrößert, was die Paläontologen als das Gesetz von Marsh bezeichnen, das schon 1879 formuliert worden ist. (van Schaik, Isler 2010, S. 155)

Zur Energieregulierung des menschlichen Gehirns hat Achim Peters die Selfish-Brain-Theorie formuliert, die in unserem Zusammenhang von Bedeutung ist.

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266

Carel van Schaik und Karin Isler erläutern:

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989

Die vielleicht wichtigste Beschränkung der Hirngröße ist die Tatsache, daß Hirngewebe sehr stoffwechselintensiv ist und daher viel Energie verbraucht. Das Herz, die Leber und die Nieren brauchen zwar ähnlich viel Energie pro Gramm Gewebe, aber ihre Größe ist viel stärker vom Körpergewicht vorgegeben als die Hirngröße, d. h. sie variiert viel weniger zwischen den Arten. Andere Organe dagegen, Knochen, Muskeln, Haut etc. verbrauchen pro Gramm einen Bruchteil der Energie des Gehirns (…)

Dies bedeutet, daß es schwieriger ist, durch natürliche Auslese einen bestimmten Zuwachs der Hirngröße zu erreichen als z. B. einen äquivalenten Zuwachs an Muskelmasse oder der allgemeinen Körpergröße.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, daß der Organismus das Gehirn nicht vorübergehend stillegen kann, um Energie zu sparen, weil das Gehirn im Ruhezustand genau gleich viel Energie benötigt.
(Carel van Schaik und Karin Isler 2010: Gehirne, Le­bens­läufe und die Evolution des Menschen, in: Fischer/ Wiegandt: Evolution, S. 142-169, S. 153f)

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265

III.     Das Gehirn

These 9

Das teure Gehirn

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


Das Gehirn ist für ein Lebewesen ein sehr teures Organ, weil es sehr viel Energie verbraucht. Dennoch ist über die Säugetiere, die Primaten, die Affen, die Großaffen und schließlich die Hominiden bis zum Men­schen eine stete Zunahme der relativen Gehirn­größe zu beobachten.

Erläuterung:

Am Anfang sollen zwei Zahlen zum Energieverbrauch die Kosten des Gehirns deutlich machen: 1. Das Gehirn verbraucht rund 20 % der gesamtem im Körper verbrauchten Energie. 2. Mehr als 50 % der Energie, die der menschliche Fötus aufnimmt, werden zum Aufbau seines Gehirns verwendet.

Jetzt sollen drei Autoren, die sich im Zusammenhang der menschlichen Evolution zu den Kosten des Gehirns geäußert haben, zu Wort kommen. Robin Dunbar, von dem ich die erste Prozentzahl übernommen habe, schreibt:

Hirngewebe ist ungewöhnlich kostspielig, sowohl was das Wachsen als auch was die Instandhaltung angeht. Es benötigt ungefähr zehnmal mehr Energie, als man von seinem Gewicht her erwarten würde, und es ist das teuerste Gewebe nach dem des Herzens und der Leber.

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264

Mit dem Entstehen der menschlichen Kultur, der Kulturfähigkeit des modernen Menschen entsteht etwas Neues, bisher nicht Dagewesenes.

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


Warum entwickelt sich die Kultur, der Geist? Welches sind die Gründe, was ist die Veranlassung zu dieser Neuheit, die die Welt der Spezies Mensch grundlegend ändern wird? Wie kam es dazu, dass das Gehirn durch einen Funktionswechsel zur Basis des menschlichen Geistes wurde?

Die zweite Frage: Worin besteht das Neue, wie kann man die spezifisch neuen Sachverhalte, die entstehen, beschreiben? In der Besprechung von Tomasellos Buch Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation schreibt Jürgen Habermas:

Nachdem das Größenwachstum des menschlichen Gehirns aufgehört hatte, sind kulturelle Lernprozesse an die Stelle der genetischen Anpassung ge­tre­ten. Was anderen Tierarten fehlt, ist die generationen­übergreifende Wei­ter­gabe symbolisch gespeicherten Wissens, das im Lichte neuer Erfahrungen revidiert und erweitert wird.
(Jürgen Habermas 2009; Es beginnt mit dem Zeigefinger, in: DIE ZEIT Nr. 51/2009 vom 10.Dezember 2009, S. 45)

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263

These 8

Die biologischen Ursachen

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


Die erste Aufgabe besteht darin, die biologischen Mechanismen zu be­schrei­ben, die zur Entstehung des menschlichen Gehirns führten. Es  sind also die biologischen Ursachen für die Entwicklung des mensch­lichen Gehirns, des Gehirnwachstums und des Endes des Gehirn­wachstums vor Beginn der Kulturleistungen des homo sapiens darzu­legen.

Die zweite Aufgabe besteht darin zu beschreiben, wie das bereits vorhandene menschliche Gehirn durch einen Funktionswechsel zur biologischen Basis des Geistes werden konnte.

Erläuterung:

Wenn ich bei einem Gegenstand die Einzelheiten nicht gut genug erkenne, nehme ich eine Lupe zu Hilfe, will ich noch mehr Details oder Material­strukturen erkennen, benutze ich ein Mikroskop. Will ich einen Sachverhalt wissenschaftlich erforschen, dann besteht eine Methode darin, den Sachverhalt in viele kleine Problemfelder aufzugliedern, die jeweils einzeln untersucht werden. Am Ende werden die Lösungen wieder zusammengefasst.

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262

Wenn das Gehirn der biologische Sitz des Geistes ist, so ist der Geist doch nicht mit dem Gehirn identisch,

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


sondern hat eine eigene Identität, die es zu erforschen und zu beschreiben gilt. Die Grundform des Geistes bzw. der Kultur entsteht in einer besonderen historischen Situation, und mit dem Geist entsteht eine neue Existenzstufe,

es entstehen emergente Eigenschaften von Individuen und sozialen Gruppen, die mit dem biologischen Theoriegebäude nicht mehr angemessen zu beschrei­ben sind, sondern den Einsatz geistes- bzw. sozialwissenschaftlicher Theorien erfordern.

Michael Tomasello hat in Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens auf den im evolutionären Maßstab kurzen Zeitraum von höchstens 250.000 Jahren aufmerksam gemacht, in dem die kulturelle Entwicklung des Menschen bis heute stattfand.

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