112

5.5.12.
Die Selbstopferung des Helden und das Zeitalter der Fische: Die Gnostiker um Simon Magus deuteten den Kreuzestod Jesu als

Masada, römische Rampe
Masada, römische Rampe

Parallele zur Selbstopferung des Gottes Mithras im Mith­ras­kult.

Daraus entstand die kultische Feier des Abendmahls, deren Form sich später an das jüdische Passahmahl anlehnte, deren Grundgedanke aber, die Selbstopferung des Kultheros, vom Mithras­kult stammt.

Die Gnostiker glaubten auch, in dem Sternzeit­alter der Fische, das damals begann, eine himmlische Antwort auf das von Jesus angekün­digte Reich Gottes sehen zu können und nannten die Verkünder der Botschaft Jesu Fischer. Jesus selbst habe sich am Ende des alten, des Widderzeitalters als Widder (Lamm) geopfert.

Jesu Tod als Opferlamm (als Widder) symbolisiert nach der astrologischen Lehre der Weltzeitalter das Ende der Widderära. Das Auftreten der Jünger als Fischer symbolisiert den Beginn des astrologischen Zeitalters der Fische.

111

5.5.11.
Die Auferstehung: Die Täufersekte kannte wie die antiken Myste­rienkulte Tod und Auf­erstehung des Menschen und feierte dies

Masada, römisches Feldlager
Masada, römisches Feldlager

in der Taufe. Der Tod in der Taufe bedeutete das Ablegen des alten Menschen und die Auf­erste­hung in der Taufe die Umwandlung in einen neuen Menschen.

Jesus hatte den Tod in der Taufe nicht nur symbolisch wie die anderen Täuflinge vollzogen, sondern war tatsächlich gestorben und würde wegen seiner Verdienste von Gott auferweckt, das heißt in den Zustand der neuen Schöpfung, die alle erwarteten, versetzt werden.

Die österlichen Auferstehungserzählungen sind späte dichterische Ver­an­­schau­­lichungen des Auferstehungsglaubens, die Auferstehungs­for­meln, die Paulus in 1 Kor 15,3-5 zitiert, sind Bekenntnisformeln, keine Erfah­rungsberichte.

Die Rede von der Auferstehung Jesu be­schreibt eine Deutung seines Todes, sie bezeichnet weder ein histori­sches Faktum noch kann sie etwa als ein historischer Gottesbeweis in Anspruch genommen werden.

110

5.5.10.
Das Leiden des Gerechten: Die älteste Deutung des Todes Jesu: Die Samaritaner, die Jesus freund­lich gesinnt waren,

Jerusalem, Ölberg, alter Ölbaum
Jerusalem, Ölberg, alter Ölbaum

fanden folgende Antwort auf den Tod Jesu: Das Leiden Jesu ist das Leiden eines Gerechten. Jesus ist für uns, für unsere Sünden gestorben.

Diese Antwort wurde in den Knecht-Gottes-Liedern bei Deutero-Jesaja (Jes 40ff) im Alten Testament und in der Stephanus-Rede in Act 7 festgehalten, vgl. auch Act 8,32f.

109

5.5.9.
Die erste Aufführung der Passion: Dass Jesu Kreuzestod überall ein Thema war, ergibt sich aus folgendem Ereignis:

Jerusalem, Tempelberg
Jerusalem, Tempelberg

Im Jahre 41 n. Chr. reiste der jüdische König Agrippa I. nach Rom, um dem Kaiser Caligula seine Aufwartung zu machen (Ant 19,4,1).

Dabei wurde er zufällig Zeuge der Ermordung des Kaisers. Josephus berichtet (Ant 19,1,13) in diesem Zusammenhang von einer Theater­auffüh­rung am 24.1.41 n. Chr., dem Todestag des Kaisers:

Alsdann ereignete sich zweierlei, das als Vorbedeutung aufgefasst werden musste. Man führte nämlich ein Schauspiel auf, in welchem ein Fürst (hegemon) ans Kreuz geschlagen wurde, und die Pantomime stellte die Kinyrische Fabel dar, in der Kinyras nebst seiner Tochter Myrrha umkommt. Sowohl bei der Kreuzigung nun wie bei der Tötung des Kinyras floss künstliches Blut in Menge.

Bei dem gekreuzigten Fürsten handelt es sich um den gekreuzigten Jesus, das ergibt sich aus der begleitenden Pantomime: Myrrha klingt für römische Ohren wie Maria, der Legende nach der Name der Mutter Jesu. Im Mythos von Myrrha (Ovid, Metamorphosen 10,298-502) geht es um den Inzest der Myrrha mit ihrem Vater Kinyras. Die Anspielung auf den christlichen Glaubens an die Jungfrauen­geburt des Messias ist deutlich zu erkennen. Die Entstehung dieses Glaubens wird auf obszöne Weise gedeutet.

108

5.5.8.
Der geografische Ausgangspunkt des Urchristentums war Samaria-Sebaste. Hier war Jesus 36 n. Chr. gekreuzigt worden, von hier waren

Jerusalem, El Aksa-Moschee
Jerusalem, El Aksa-Moschee

die Proteste ausgegangen, die zur Absetzung des Pilatus geführt hatten. Hier wirkte Simon Magus, der die gnostische Jesus-Bewegung anführte und der in der christlichen Überlieferung zu Simon Petrus, dem Spre­cher der Jünger und der Apostel, wurde. Hier gab es die erste Täufer­gemeinde, die den gnostischen Geistempfang bei der Taufe noch nicht kannte, Act 8,12;16.

Und die große Rede des Stephanus, des ersten christlichen Märtyrers, in Act 7 atmet den Geist der samaritanischen Jesus-Bewegung des Jakobus: Stephanus verweist auf den samarita­nischen Messias, den Taeb, Act 7,37=Dt 18,15.

Hier startet die Mission mit Philippus in Act 8 und daran schließt Lukas in der Apostel­geschichte, nur unterbrochen von der Bekehrung des Paulus, die Missionstätigkeit des Petrus in Lydda, Joppe und Caesarea Maritima an.

107

5.5.6.
Das Christentum entstand nicht als eine innerjüdische Erneuerungs­bewegung, sondern durch den Zusammenschluss von zunächst

Jerusalem, El Aksa-Moschee
Jerusalem, El Aksa-Moschee

selb­ständig agierenden israelitischen, täuferischen und gnostischen Grup­pen, die in den Evangelien von den großen Jüngern Jakobus, Johannes und Simon Petrus repräsentiert werden.

5.5.7.
Die Deutung des Todes Jesu
Da Jesus schon lange vor seiner Zeit als Messias eine Berühmtheit war, wurde sein Tod überall, aber besonders in Sebaste, dem römischen Samaria, diskutiert und im Lichte seines Lebens und Wirkens gedeutet. Diese Deutung passierte nicht innerhalb seiner Anhängerschaft, denn die gab es nicht.

Diese Deutung geschah vielmehr in den verschiedenen sozialen und religiösen Bewegungen und Netzwerken, die das geistige Leben bestimmten. Zu nennen sind hier besonders das sama­rita­nische Judentum, die Täufersekte um Johannes den Täufer und die Gnostiker um Simon Magus.

In diesen Bewegungen gab es sicherlich ein breites Spektrum von Meinungen über Jesus. Uns interessie­ren nur die Meinungen, die das Schick­sal Jesu positiv deuteten.

106

5.5.4.
Der Tod Jesu
Am Berg Garizim in Samarien wendete sich das Blatt. Jesus wurde von Pilatus als Aufständischer gefangen genommen und gekreuzigt. Ein toter

Jerusalem, Tempelberg von Südwest
Jerusalem, Tempelberg von Südwest

Messias ist kein Messias. Jesus hatte die Anhänger, die einen irdischen Messias und ein irdisches Messiasreich erwartet hatten, enttäuscht. Die Teilnehmer des Messiaszuges zerstreuten sich und kehrten in ihre Heimatdörfer und -städte zurück. Da Jesus keine Schü­ler hatte, konnte es keine Erben und keine Fortsetzung seiner Tätigkeit geben.

5.5.5. (=5.2.24)
Das Ende der Feinde Jesu

Die Gegner Jesu konnten sich ihres Sieges über den Messias nicht lange erfreuen. Pilatus und der Hohepriester Kaiphas wurden noch im selben Jahr 36 n. Chr. abgesetzt, Ant 18,4,2f, Kaiser Tiberius starb am 16. März 37 n. Chr. Anti­pas wurde 39 n. Chr. abgesetzt und nach Gallien verbannt, seine Frau Herodias folgte ihm in die Verbannung.

Das Missgeschick seiner Feinde rehabilitierte Jesus in den Augen seiner Anhänger. Sie glaubten, Gott selbst habe den Tod Jesu an seinen Feinden gerächt.