338

11. Das ganze flache Land (nicht die Städte) jubelt Jesus zu,

Vulkan Pichincha, Abstieg zur heißen Quelle
Vulkan Pichincha, Abstieg zur heißen Quelle

er zieht im Frühjahr 36 n. Chr. im Triumph durch Palästi­na. – Man wird sich eine Situation vorstellen können, die der Napo­leons ähnelt, als dieser im März 1815 aus der Verbannung auf der Mittelmeerinsel Elba nach Frankreich zurückkehrte.

Jesu Anhänger bereiten ihm einen rauschenden Empfang, aber die politisch Verant­wort­lichen bleiben reser­viert, die Stadt­tore verschlos­sen, Markus 1,45. Anders als Napoleon ist Jesus kein militärischer Führer, aber auch seine Faszina­tion beruht auf den Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlich­keit.

Auch Jesus hat wie Napoleon eine traditionelle Adelsgesell­schaft zugunsten einer Monarchie zu Grabe getragen, in der das Bürgerrecht und die Chance, sich eine bürgerliche Existenz aufzubauen, plötzlich allen Menschen offen standen.

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8. Die biologische Uhr tickte, als drittes Ereignis ist der erste Tod

Vulkan Pichincha, Abstieg zur heißen Quelle
Vulkan Pichincha, Abstieg zur heißen Quelle

eines regierenden Herrschers zu vermelden, 34 n. Chr. stirbt der Tetrarch Philippus, seine Tetrarchie mit der neu erbauten Hauptstadt Caesarea Philippi bleibt vorerst führerlos.

9.  Während die bisherigen Krisen schnell unter Kontrolle ge­bracht werden konnten, beginnt im Jahr 35 n. Chr. eine Kri­se, die den ganzen Osten des Römischen Reiches in Aufregung versetzt.

In diesem Jahr stirbt der armenische König Artaxias, der mit Rom befreundet war. Der parthische Großkönig Arta­banos III. erwartet unter dem alternden Kaiser Tiberius den Niedergang Roms, erobert die armenische Haupt­stadt Arta­xata und setzt seinen ältesten Sohn Arsakes als armenischen König ein (Tacitus, Annalen 6,31 ff, Josephus, Alter­tümer 18,4,4).

Auf das Ende der römischen Macht im Osten werden Wetten angenommen.

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5. Die Anklage gegen den Statthalter Jesus lautet auf Religions­frevel

Vulkan Pichincha, Abstieg zur heißen Quelle
Vulkan Pichincha, Abstieg zur heißen Quelle

(1. Könige 21,10, Markus 14,64), ein probates Mittel im politi­schen Ränkespiel der Zeit. Auch dem Philosophen Sokra­tes warf man Gottlosigkeit (asebie) vor, und von dem Fabel­dichter Äsop erzählt die Legende, dass die Delpher dem Dichter eine Falle stellten und ihn wegen Missachtung der Götter steinigten (siehe Abschnitt 8).

6. Die Entmachtung Jesu ist geglückt, seine Ermordung, falls sie geplant war, nicht. In 1. Könige 13 erhebt der König Jero­beam seinen Arm gegen einen Mann Gottes, der Arm wird steif, sodass er ihn nicht bewegen kann. Die Augen und Ohren eines Herrschers sind seine Spitzel, der Arm seine Polizeikräfte.

Die Polizeikräfte des Königs in der Erzählung im Alten Testament verweigerten also den Befehl, Antipas mag es ähnlich ergangen sein, denn die Wundergeschichte von Markus 3,1ff spielt auf 1. Könige 13 an.

335

3. In Rom führen die Bemühungen Sejans, die sozialen Schran­ken

Vulkan Pichincha, Hügel über d. Hauptschlot
Vulkan Pichincha, Hügel über d. Hauptschlot

zwischen dem Ritterstand und dem kaiserlichen Hochadel zu überwinden, in die persönliche Katastrophe. Tiberius lässt Sejan am 18. Oktober 31 n. Chr. absetzen und sofort hinrich­ten und stellt die alte Machtordnung mit dem Kaiser an der Spitze wieder her.

Die Entmachtung Sejans schwächt in Palästina die Position Jesu und die des Pilatus. Jesus hat in Galiläa eine ähnliche Machtstellung, wie sie Sejan in Rom gerade zum Verhängnis wurde.

Die Gegenspieler Jesu haben nun neue Argumente gegen die Machtfülle des Statthalters Jesus in der Hand. Pilatus ent­stammt als römischer Ritter derselben Gesell­schafts­schicht wie Sejan und musste offiziell mit ihm zu­sam­men­arbeiten.

Da nun in Rom alle Kontakte Sejans überprüft werden, besteht für Pilatus ein Risiko, das ihn zwingt, alles zu tun, um in seiner Amts­führung zukünftig jeden Fehler zu vermeiden.

334

13.     Die Passion: die historischen Ereignisse

Der Konflikt zwischen Rom und den Parthern 35/36 n. Chr. bildete die welt­historische Kulisse

Vulkan Pichincha, Schwefeldämpfe
Vulkan Pichincha, Schwefeldämpfe

für den Tod Jesu. In der Armenienkrise, die 35 n. Chr. ausbrach, wurde dieser Konflikt auf dem Boden der Klientel- oder Pufferstaaten von Armenien bis Palästina ausgetragen.

In Paläs­ti­na war die Lage durch die voran­gegangene Entlassung des populären Statthalters Jesus in Galiläa und den Tod des angesehenen Tetrarchen Philippus zu Beginn des Jahres 35 n. Chr. noch immer instabil.

Der orien­talische Teil der Bevölkerung wartete nur auf ein Zeichen römi­scher Schwäche, um sich – wie zwei Generationen zuvor gegen Herodes den Großen – mit einem nationalen Königtum unter die Oberhoheit des parthischen Großkönigs zu stellen.

Durch die Annalen des Tacitus und die Altertümer des Josephus sind wir über den weltpolitischen und den regionalen Konflikt in den Gründzügen informiert. Mit der Annahme, dass Jesus der samaritanische Prophet und Statthalter des Antipas war, können wir die Voraussetzungen und die Ereignisabfolge, die zum Tod Jesu führten, wesentliche besser verstehen.

333

Als später der neutestamentliche Kanon zusammen­gestellt wird, wird jede der drei Apostelkirchen

Vulkan Pichincha, Krater im Krater (Ausbruch 1982)
Vulkan Pichincha, Krater im Krater (Ausbruch 1982)

und als vierte die hellenistische Pauluskirche mit einem Evangelium und anderen Schriften vertreten sein. Kriterium für die Aufnahme in den Kanon ist die Ausgewogenheit der Herkunft aus den Teilkirchen und das Eintreten der Schriften für die Einheit der Kirche.

Deshalb wurden die Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes aufgenommen, dazu die Apostel­geschichte, die Offenbarung und die Briefsammlungen der Einzelkirchen.

Der Brief an Philemon und 3. Johannesbrief gehörten und gehören in den Kanon, weil sie die Einheit der Gesamtkirche in sozialer Hinsicht (Philemon) und in Glaubens­fragen (3. Johannes) beto­nen.

332

Das Selbstzeugnis des Markus über sein Evangelium:

Vulkan Pichincha, Weg zum Krater im Krater
Vulkan Pichincha, Weg zum Krater im Krater

In der Erzählung von der Verklärung (Markus 9,2-13) nimmt Jesus die Jünger Petrus, Johannes und Jakobus mit sich auf einen hohen Berg. Jesus wird vor den Jüngern in eine Geist­erschei­nung verwandelt und steht neben den gleichfalls erschienenen Mose und Elia, und diese reden mit ihm.

Petrus will drei Hütten (= drei Tempel, drei Kirchen) bauen, für Mose eine, für Elia eine und eine für Jesus. Aber die Vision ist zu Ende, die Jünger sind wieder mit Jesus allein.

Markus hebt Jesus über die Jünger hinaus, Jesus steht in einer Reihe mit den mythischen Gestalten des Judentums, Mose und Elia, er ist selbst zum Mythos gewor­den.

Markus trifft aber auch eine Aussage über sein Evangelium: Über Mose berichten die Mosebücher, über Elia und die Prophe­ten die Königs- und die Propheten­bücher des Alten Testaments.

Über Jesus berichtet das Markusevangelium, und zwar mit der gleichen Autorität wie die Schriften des alten Bundes.

331

12.     Das Markusevangelium, der Kanon

In der bekannten Geschichte von der Sturm­stillung

Vulkan Pichincha, Kraterboden
Vulkan Pichincha, Kraterboden

 (Markus 4,35-41) befindet sich Jesus mit seinen Jüngern auf einem Schiff, ein Sturm kommt auf, Jesus schläft. Die Jünger haben Angst und wecken Jesus, der das Unwetter beruhigt. Markus konzentriert die Aufmerksamkeit auf Jesus, die Jünger werden zur Staffage, sie sind hilflos ohne Jesus.

Eine andere Situation: Die Jünger sind wichtig. An drei Stellen im Markusevangelium wählt Jesus drei Jünger aus, die mit ihm gehen und Zeugen von besonderen Ereignissen werden: der Auferweckung der Tochter des Jairus (Markus 5,37), der Verklärung Jesu (Markus 9,2) und der Anfechtung Jesu im Garten Gethsemane (Markus 14,33).

Die drei Jünger Petrus, Johannes und Jakobus sind die Führer der drei wichtigsten Apostelkirchen, die drei Ereignisse, deren Zeugen sie werden und die sie in ihren Einzellkirchen bezeugen sollen, sind die wichtigsten Bekenntnisse der drei Apostelkirchen: die Auferwe­ckung durch Jesus (Johannes­kirche), die Verherrlichung Jesu (Petruskirche) und die Anfechtung, das menschliche Leiden Jesu (Jakobus­kirche).

330

Die Apostelkirchen brachten die ganze Bandbreite der antiken Volksreligionen mit in das Christentum ein.

Vulkan Pichincha, Kraterboden
Vulkan Pichincha, Kraterboden

Die Täufer kamen von den Mysterienkulten her, die Petruskirche hatte einen Hang zur Gnosis und zur Astrologie, die Bezeichnung Fischer nennt nicht den Beruf des Petrus, sondern seine Erwartung, das Reich Gottes würde mit der astrologische Ära der Fische beginnen.

Das Fischzeichen wurde noch vor dem Kreuz­symbol zum christlichen Erkennungsmerkmal im Alter­tum.

Die christ­lichen Frauengruppen, die sich nach der berühmten jüdi­schen Alche­mistin des Altertums häufig Maria nannten, brachten alchemis­tisch-mysti­sche Vorstellungen in das Christen­tum ein.

329

11.     Jünger, Apostelkirchen und Paulus

Jesus hat keine Kirche gegründet und keine Jünger berufen. Erst nach seinem Tod

Vulkan Pichincha, Kraterboden
Vulkan Pichincha, Kraterboden

bildeten sich religiöse Gemein­schaften, deren Führer sich auf Jesus beriefen und sein Werk als seine Nachfolger vollenden wollten. Diese Gemeinschaften, ich nenne sie Apostelkirchen im Unterschied zur späteren Gesamt­kirche, standen in Konkurrenz zuein­ander.

Die wichtigsten Teil­kirchen waren die Täuferchristen der Johanneskirche, die zu den Jüngern Johannes des Täufers in besonderer Verbindung standen, die judenchristliche Jakobus­kirche, die sich von den Nachfolgern des romfeindlichen Judas des Galiläers abgrenzen musste, und die Geistkirche des Simon Petrus, die mit den Gnos­ti­kern des Simon Magus konkurrierte.

Als erster bemühte sich Paulus um die Einheit der Kirche und die Überwindung der Spaltungen, nicht nur zwischen Juden- und Heidenchristen, sondern auch zwischen verschie­denen anderen Gruppen. Für Paulus waren nicht die Apostel, sondern allein Jesus und der Glaube an ihn wichtig.

328

Im Urchristentum findet mit dem Ende des Jüdischen Krieges 70 n. Chr. die Epoche der geistbegabten, gott­unmittel­baren Apostel ihren Abschluss.

Vulkan Pichincha, Kraterboden
Vulkan Pichincha, Kraterboden

Die Autorität in der christlichen Kirche geht auf die Ortsgemeinden und ihre Ältesten über. Die Zeit Jesu und der Apostel wird als eine abgeschlossene Zeit­epoche angesehen, mit deren Helden sich die Christen nach 70 n. Chr. nicht mehr vergleichen können und nicht mehr vergleichen wollen.

Ähnlich wie in Rom findet eine Würdigung der vergangenen Zeit und eine Neubesin­nung statt. Die Evan­gelien und die Apostelgeschichte fragen nach der Bedeutung Jesu und der Apostel, nach dem Sinn des Untergangs Jeru­sa­lems.

Als Deutungsmuster verwenden sie dabei auch die gro­ßen Epen der heidnischen Antike. Bei der Neubestim­mung der christlichen Identität wird die jüdische Kultur mit den Schrif­ten des Alten Testaments – jetzt für alle Christen verbind­lich – als Vorgängerkultur anerkannt.

Das Sche­ma, nach dem die beiden Kulturen verbunden werden, ist das bekannte Schema: Verhei­ßung im Alten Testament, Erfül­lung im Neuen Testament.

327

(2) Eine zweite Epochengrenze ist in den Jahren 68-70 n. Chr. anzusetzen.

Vulkan Pichincha, Kraterrand
Vulkan Pichincha, Kraterrand

Mit dem erzwungenen Selbstmord des Kaisers Nero endet 68 n. Chr. in Rom die kurze Epoche der Gottkaiser und zugleich die fast ein Jahrhundert währende Herrschaft der julisch-claudi­schen Kaiser aus der hochadeligen Familie des Augustus.

Im Vier-Kaiser-Jahr 69 n. Chr. gründet Vespasian die flavische Dynastie. Der neue Kaiser versteht sich nicht mehr als Gott, sondern als Mensch und verleugnet seine niedere Herkunft aus der italischen Provinz nicht.

In der flavischen Literatur erlebt das Epos, die Literaturform Homers und Vergils, mit den Dichtern Valerius Flaccus und Statius eine neue Blüte. Die Zeit bis Nero wird als eine abgeschlossene Epoche betrachtet, die es zu würdigen gilt und nach der eine Neubesinnung nötig ist.

326

10.     Epochen und Epochengrenzen

Um das Jahr 30 n. Chr. regiert in Rom und in Palästina eine Altherrenriege,

Vulkan Pichincha, Schwefeldämpfe
Vulkan Pichincha, Schwefeldämpfe

die ihre politische Prägung noch unter Augus­tus erhalten hat. Von der Insel Capri aus dirigiert der 70jährige Kaiser Tiberius das Geschehen in Rom. In der Haupt­stadt des Reiches hält der Bevollmächtigte des Tiberius, der Ritter Sejan, alle Fäden der Macht in den Händen.

In Palästi­na herr­schen die Tetrarchen Herodes Antipas und Philippus seit über 30 Jahren in den nördlichen Provinzen, Antipas wird seit mehr als 20 Jahren von dem Statthalter Jesus unter­stützt.

Judäa und Samaria stehen als Provinz Judäa unter rö­mi­scher Verwaltung, seit 26 n. Chr. führt der Ritter Pontius Pilatus als Präfekt ein strenges Regiment.

Diese beschau­liche Idylle au­gus­teischer Stabilität und orientalischer Lebens­freude wird in den folgenden Jahren von einer Reihe von Ereignissen erschüt­tert, in deren Verlauf das Herrschafts­perso­nal voll­stän­dig aus­ge­tauscht und die politische Verantwortung in den Jahren 36/37 n. Chr. auf die Schul­tern einer neuen Generation gelegt wird.

325

Die Planung und der Bau der neuen Hauptstadt Tiberias wa­ren das Meisterstück des Statthalters Jesus.

Vulkan Pichincha, Krater im Krater
Vulkan Pichincha, Krater im Krater

Für dieses Glanz­stück sei­ner Tätigkeit erhielt er den Ehrennamen tekton (tektwn). Dieses grie­chi­sche Wort wird meist mit Zimmermann übersetzt, hat hier aber die Bedeutung von Baumeister, Architekt.

Wer eine neue Stadt, noch dazu eine Hauptstadt baut, möchte vieles besser machen, möchte Altes hinter sich lassen, die Idee eines neuen Jerusalem stand dabei Pate.

In der judäischen Hauptstadt Jerusalem wurde seit über 40 Jahren der große Jahwe-Tempel, das Haus Gottes, gebaut. Antipas und Jesus wollten eine Stadt für die Menschen bauen, ohne dabei die göttlichen Mächte zu vergessen.

Die neue Hauptstadt wurde in Rekordzeit gebaut, wenn auch nicht in drei Tagen wie in Johannes 2,19. Aus dem Jahre 20 n. Chr. gibt es die ersten Münzen des Antipas mit der Inschrift Tiberias und der Schilfpflanze, die als Symbol der am See liegenden Stadt galt. Die Münzen feiern die Grün­dung der neuen Hauptstadt.

324

9.       Tiberias

Wer biblische Geschichten kennt, erinnert sich an das Gleichnis vom großen Abendmahl

Vulkan Pichincha, Abstieg in den Krater
Vulkan Pichincha, Abstieg in den Krater

(Matthäus 22,1-14, Lukas 14,15-24): Ein König lädt Gäste ein, die Eingeladenen können nicht kommen. Da entschließt sich der König, Arme und Bettler von der Straße zu seinem großen Bankett einzuladen. Glück­licher­­weise hat uns Josephus die historische Situation geschil­dert, aus der heraus das Gleichnis entstanden ist, Altertümer 18,2,3.

Der Fürst Antipas hatte die neue Haupt­stadt erbaut und sie nach dem regierenden Kaiser Tiberias genannt. Als er die Vornehmen seines Fürsten­tums einlud, in der neuen Hauptstadt Quartier zu nehmen, hatten sie alle Ausflüchte.

So bat Antipas die weniger Vor­nehmen, in der Hauptstadt zu wohnen und lockte die Mittellosen mit dem Angebot, Grundstücke, Wohnungen und Ackerland zu erhalten. Auch wurde keiner gefragt, was er vorher gewesen war, wenn er in die Hauptstadt zog.

323

Das fünfte Gleichnis: das Zöllnermahl.

Vulkan Pichincha, Abstieg in den Krater
Vulkan Pichincha, Abstieg in den Krater

Zölle und Steuern wurden in den hellenistischen Staaten und im Römischen Reich als Pacht vergeben. Wohlhabende Familien garantierten mit ihrem Vermögen dafür, dass die geforderte Steuersumme einer Stadt oder eines Gebietes aufgebracht wurde. Ihre Aufgabe bzw. ihr wirtschaftliches Risiko bestand darin, die an den König gezahlten Steuern auf alle wohlhabenden Bürger der Stadt oder des Gebietes umzulegen und das Geld von diesen einzutreiben.

Im Fürsten­tum des Antipas wird die Zoll- und Steuerpacht genauso funktio­niert haben. Die Zollpächter, mit denen der Statthalter Jesus zu Tisch saß, können ursprünglich nur die reichen ju­däischen Aristokraten gewesen sein, die in der Lage waren, für eine gewisse Steuersumme zu bürgen.

Versteht man die Erzäh­lung so, dann heißt es, Jesus hat als Statthalter den judäischen Adel in Galiläa nicht ausgegrenzt, sondern in die monarchische Ge­sell­schaft eingebunden. Als die reichen Aristo­kraten Wohltaten des Monarchen forderten, so wie sie den armen Galiläern ge­währt wurden, war die Antwort Jesu jedoch negativ: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken, Mar­kus 2,17.

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Das vierte Gleichniswunder: Die Heilung des Lahmen.

Vulkan Pichincha, Ecuador
Vulkan Pichincha, Ecuador

Dieses Wunder hat eine zentrale Bedeutung für das Urchris­tentum, es wird – gering variiert – auch von Petrus und Paulus erzählt (Apostelgeschichte 3,1-11; 14,8-18). Im Alten Testament ist die Hilfe für die Lahmen ein Zeichen des Messias und der Endzeit, Micha 4,6f; Zefanja 3,19.

Der Kranke ist wieder das galiläische Volk. Das Volk ist so schwach, dass es keine eigenen Anstrengungen für die Heilung unter­nehmen kann. Es gibt aber Helfer, die Jesus die Hilflosigkeit des Volkes buchstäblich vor Augen führen.

Im Gleichnis besteht die Hilfe Jesu in einem Befehl. In der historischen Wirklichkeit bestand die Hilfe des Statthalters Jesus in dem Befehl, sich selbst zu helfen, Jesus befahl aber nicht nur, er sorgte auch für die rechtlichen und wirtschaftlichen Möglichkeiten, seinem Be­fehl Folge zu leisten.

Jesus sorgte für einen Wirtschafts­auf­schwung, der sich histo­risch nachweisen lässt. Auf die Grün­dung und Besiedlung von Tiberias werde ich in diesem Zusam­menhang noch zu sprechen kommen.

321

Das dritte Gleichniswunder: die Heilung des Aussätzigen.

Vulkan Pichincha, Krater
Vulkan Pichincha, Krater

Der Kranke stellt wieder das nichtjüdische Volk von Galiläa dar. Der Aussatz (Lepra) ist eine ansteckende und unheilbare Krank­heit, in der Antike wurde eine strenge Quarantäne durchgesetzt, die Krankheit schloss den Kranken aus der Gemeinschaft aus.

In Gleichniserzählungen dienen der Aussatz und der Aussätzige oft als Symbol für den Ausschluss aus der Gemeinschaft, z. B. aus der religiösen Gemeinschaft (so vermutlich schon 2. Könige 5).

Der Statthalter Jesus will alle Menschen in Galiläa unmittelbar dem Monarchen unterstellen, er braucht alle für den wirtschaft­lichen Aufbau, die Stärkung der Wirtschaftskraft des Fürsten­tums. Jesus will die Barrieren, die von der judäischen Aristo­kratie errichtet wurden, um die galiläische Bevölkerung von den Vorteilen aus der wirtschaftlichen Erholung fernzuhalten, nieder­reißen.

Jesus heilt den Aussätzigen. Das Wunder besteht nicht darin, dass Jesus Naturgesetze durchbrechen kann, sondern darin, das plötzlich jemand in der Lage ist, der nichtjüdischen galiläischen Bevölkerung die gleichen Rechte wie den jüdischen Bürgern einzuräumen.

320

8.       Die Maßnahmen des Statthalters Jesus nach Markus 1-2

In Markus 1-2 hat sich – in der Form von Wunder­geschichten – ein Maßnahmenkatalog erhalten, der Jesu Tätig­keit als Statt­halter

Vulkan Pichincha, Krater
Vulkan Pichincha, Krater

zusammenfasst. Die Wundergeschichten sind nicht histo­ri­sche Berichte über Heilungen an Einzelpersonen, sondern Gleich­nis­­erzählungen, die die Tätigkeit des Statthalters Jesus für die ganze Bevöl­ke­rung Galiläas beschrei­ben.

Die erste Heilung gilt dem Mann mit dem unreinen Geist. Der Mann symbolisiert das Volk von Galiläa, der unreine Geist, der es beherrscht, ist die judäische Aristokratie in Galiläa, die ihre Vor­macht­stellung auf ihre angeb­liche Reinheit und die angebliche Unrein­heit der nichtjüdischen Bevöl­ke­rung stützt.

Die Unreinheit der galiläischen Bevölkerung besteht nicht tatsächlich, sie ist nur eine polemische Aussage der judäischen Aristokratie, die die Bevölkerung Galiläas als religiös und sozial minderwertig darstellen will.

Der Geist spricht es aus: Jesus vernichtet die Machtstellung des judäi­schen Adels in Galiläa, der Mann, das galiläische Volk, wird von der Zwischen­herrschaft in Form einer Gerichtsbar­keit des judäischen Adels befreit und ist nun dem Monar­chen direkt unter­stellt.

319

7.       Die Quellen – Fakten und Fiktion

Ein berühmtes spätantikes Mosaik aus Sousse in Tunesien (3. Jahrhundert n. Chr.) zeigt den römischen Dichter Vergil

Vulkan Pichincha, Krater
Vulkan Pichincha, Krater

sitzend zwi­schen zwei Musen. Zu seiner Rechten steht Klio, die Muse der Geschichte, mit einer Schrift­rolle in den Händen, zu seiner Linken Melpomene, die Muse der Tragödie, mit einer Theater­maske.

Auf den Knien hat Vergil eine Buchrolle mit dem 8. Vers der Aeneis, wo es heißt: Muse, sag mir die Gründe… Vergil hat mit der Aeneis das römische Staatsepos geschaffen, den Grün­dungs­mythos Roms.

Der Evan­gelist Markus schrieb mit seinem Evangelium den Gründungs­mythos des Christentums. Wie bei Vergil, so standen auch bei Markus zwei Literatur­gattun­gen Pate, die Geschichts­schreibung, die Fakten überliefert, und die Tragödie, die in dichterischer Verfremdung die Dinge auf den Punkt bringt.

Der Dichter er­zählt uns die Gründe des Gesche­hens, aber nur verschlüsselt und verdichtet.