368

Jakobus 5: Im Anhang wird die Frage der Verwandt­schaft Jesu

Berlin, Potsdamer Strasse, 12.11.1989
Berlin, Potsdamer Strasse, 12.11.1989

gestellt, die Judenchristen beson­ders interessiert: Zählt die blutsmäßige Verwandtschaft, die Judenchristen bevorzugt, oder die Verwandtschaft des Geistes, die alle Christen gleichstellt?

Antwort: Es gibt keine Vorrechte für die Juden­christen, alle Christen sind gleich, es zählt nur die Verwandt­schaft des Geistes und der Nachfolge Jesu, 3,20-35.

367

Jakobus 4: Ein weiterer Kompromiss-Vorschlag:

Berlin, Siegessäule, 11.11.1989
Berlin, Siegessäule, 11.11.1989

Wenn der Sabbat grund­sätzlich nicht mehr gilt, können die Heidenchristen den Juden­christen nicht so weit entgegenkommen, dass wenigstens die Heilungen nicht am Sabbat, sondern an einem anderen Tag durch­geführt werden?

Die Antwort lautet wieder: Nein, die jüdischen Religionsgesetze fallen ersatzlos weg. Hier trennt sich die jüdische Obrigkeit von Jesus, das Volk läuft ihm zu, 3,7-12, Jünger (Apostel) werden berufen, 3,13,19.

366

Jakobus 3: Der 2. judenchristliche Abschnitt ist der Frage gewidmet:

Berlin, Siegessäule, 11.11.1989
Berlin, Siegessäule, 11.11.1989

Welche jüdischen Religionsgesetze gelten in der Gemeinschaft Jesu? Das wird an der Frage des Fastens und der Sabbat­heiligung exemplifiziert, 2,18-3,6.

Die Basis-Frage lautet: Müssen die Jesus-Jünger fasten? Antwort: Nein. Nun wird ein Kompromiss­angebot formuliert: Könnten die Jesus-Jünger nicht wenigstens am Sabbat fasten? Antwort: Nein.

365

Jakobus 2: In 2,21-12 wird die Ausgangsfrage nochmals variiert

Berlin, Reichstag, 11.11.1989
Berlin, Reichstag, 11.11.1989

Jetzt wird die moralische Ebene berührt: Nach dem äußeren Konflikt (Fähigkeit) und dem inneren Konflikt (Wille) wird das Problem nochmals verschärft als moralischer Konflikt dargestellt:

Darf Jesus heilen? Darf Jesus Gott spielen und die von Gott verhängte Strafe der Krankheit aufheben? In 2,13-17 wird die Frage der Sündenvergebung verallgemeinert.

Aus der morali­schen Frage wird die theologische: Darf Jesus die jüdisch gebotene Schranke zwischen dem Gottesvolk der Juden und den Heiden aufheben?

Die Botschaft, auf die der ganze Abschnitt hinausläuft, lautet: Ja, Jesus darf heilen und hat es getan. Hei­den können, wenn sie es wollen und glauben, zum Gottesvolk gehören.

364

Im 1. Abschnitt der Überlieferung der Jakobuskirche

Berlin, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, 11.11.1989
Berlin, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, 11.11.1989

(1,21-2,17) geht es um Heilungs­wunder. In 1,21-28 wird Jesus angegriffen. Hier wird die Basis-Frage gestellt: Kann Jesus den Kranken heilen?

In 1,40-45 wird die Frage variiert und auf den Willen abgestellt: Der Kranke will geheilt werden, will Jesus ihn heilen oder interessiert ihn das Leiden des Kranken nicht?

Ja. Jesus will ihn heilen (dass er das kann, weiß der Leser schon aus 1,21-28), der Kranke wird gesund.

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Johannes Neumann: Der historische Jesus

Liebe Blogleser,

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Johannes Neumann

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Die Biographie, die Botschaft, die Überlieferung. 
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363

Die Einleitung des Verfassers Markus in sein Evangelium:

Berlin, Begrüßungsgeld für DDR-Bürger, 11.11.1989
Berlin, Begrüßungsgeld für DDR-Bürger, 11.11.1989

Nach der Überschrift in 1,1 hat die Ouvertüre 1,2-20 die Aufgabe, auf die ganze Dichtung und besonders den 1. Teil einzustimmen.

Markus versteht es, die drei Überlieferungs­stränge der Juden­christen, der Täuferchristen und der Petrus­christen (die den Geistempfang betonen, Apostelgeschichte 2,2.14) so zu verbinden, dass sich alle Christen repräsentiert fühlen können.

Das geschieht nicht zuletzt durch die Berufung der Jünger, die die vier urchristlichen Gruppen begründen: Simon Petrus, Andreas (steht für die griechischen Jesusanhänger), Jakobus und Johannes, 1,16-20.

362

Der 2., der judenchristliche Überlieferungsblock

Berlin, Potsdamer Platz, 12.11.1989
Berlin, Potsdamer Platz, 12.11.1989

hat die Ausstoßung Jesu zum Thema. Wie der Sündenbock in 3. Mose 16, 10 wird Jesus ausgestoßen, im 1. Abschnitt aus dem Volk Gottes (Jünger, jüdische Obrigkeit), 14,26-15,1

Im 2. Abschnitt wird Jesus aus der menschlichen Gemeinschaft der Heiden und des gemeinen Volks ausgestoßen, 15,2-37. Das eigent­liche Leiden Jesu ist auf diesen judenchristlichen Überlie­ferungsblock beschränkt.

Im 3., dem täuferchristlichen Überlie­ferungsblock geht es umge­kehrt um die Wieder­herstellung der Ehre Jesu, zuerst der irdischen Ehre, 15,38-47, dann der überirdischen Ehre Jesu, 16,1-8.

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361

Im 2. Teil gibt es wieder drei Überlieferungsblöcke

Berlin, Trabbis am Check Point Charlie, 12.11.1989
Berlin, Trabbis am Check Point Charlie, 12.11.1989

der drei christlichen Einzelkirchen Judenchristen, Täuferchristen und Petrus­christen.

Der kurze Überlieferungsblock der Petrus­christen um­fasst nur einen Abschnitt, der mit dem Abendmahl mit den zwölf Jüngern schließt, 14,1-25.

Hier findet das Wirken Jesu unter den Jün­gern Höhepunkt und Abschluss.

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360

Im 1. Teil des Markusevangeliums gibt es drei Überlieferungs­blö­cke,

Berliner Mauer am Brandenburger Tor, 11.11.1989
Berliner Mauer am Brandenburger Tor, 11.11.1989

beginnend mit Heilungswundern 1,21, mit Gleichnissen 4,1 und mit Naturwundern 6,30.

Diese Überlieferungsblöcke der Ju­den­christen, der Täufer­christen und der Petruschristen sind in sich gegliedert in einen 1. Abschnitt, in dem Jesus als souveräner Sieger anerkannt wird, 2,17; 4,41; 7,37.

In einen 2. Abschnitt steht am Ende die Trennung von den Gegnern, 3,6; 6,3; 8,15, und die Hinwendung zu den Jüngern. In einem 3. Abschnitt wird jeweils Sondergut der Einzelkirche angefügt.

Im einem 4. Überlie­ferungs­block folgt die Überlieferung der Juden­christen über Judäa- und Jeru­salem, ab 10,1, zu dem es keine Entsprechung der Täufer- und der Petrus­christen gibt. Jesu Wirken in Jerusalem bezeichnet Höhepunkt und Abschluss seines Wirkens in der Öffentlichkeit.

359

Bevor Markus die Überlieferungen seiner Quellen darstellt, bringt er

Berliner Mauer am Brandenburger Tor, 11.11.1989
Berliner Mauer am Brandenburger Tor, 11.11.1989

eine eigene Einleitung. In den wichtigsten Erzählungen der drei Überlieferungen, die Markus vorlagen, werden die drei Jünger Jakobus, Johannes, Petrus Zeugen des Geschehens, 5,37; 9,2; 14,33.

Durch die Zeugenschaft ihrer Stammväter werden die Juden­christen, die Täuferchristen und die Petruschristen auf die drei Ereignisse Auferweckung, Erhöhung und Leiden als die drei Hauptpunkte des gemeinsamen Glaubens­bekenntnisses ein­ge­schworen.

358

Die Zersplitterung der Christen in drei Einzelkirchen soll mit dem Mar­kus­evangelium

Berlin, Brandenburger Tor, 11.11.1989
Berlin, Brandenburger Tor, 11.11.1989

beendet werden. An ihre Stelle soll die ein­heit­liche christliche Kirche treten, 9,6.

Markus gliedert das Evan­gelium in zwei Teile: 1. den Triumph Jesu Kapitel 1-12 und 2. das Leiden Jesu Kapitel 13-16,8. Die Verse 16,9-20 sind in den ältesten Handschriften nicht enthalten, sie wurden später an das Evangelium angefügt.

Kennzeichen der Gliederung sind die Über­schrift 1,1, die zugleich für Teil 1 (Evangelium) gilt, und die Zwischenüberschrift in 13,1-2 für Teil 2 (Leiden), das Schlüssel­wort arche (Anfang, Grundlage) aus 1,1 wird in 13,8 wiederholt.

Weitere formale Kennzeichen sind die vier Jünger Petrus, Andreas, Jakobus, Johannes in 1,16.19 und 13,3, die Prophetie in 1,2-3 aus dem Alten Testament und in 13 die Prophezeiungen Jesu sowie das Ansprechen der Themen des 1. Teils (Evangelium) und des 2. Teils (Leiden) zu Beginn des jeweiligen Teils.

357

Bei der Gliederung des Evangeliums

Berlin, Brandenburger Tor, 11.11.1989
Berlin, Brandenburger Tor, 11.11.1989

gehe ich davon aus, dass Jakobus, Johannes und Petrus, die drei Säulen der Jeru­salemer Gemeinde aus Galater 2,9 drei urchrist­liche Gruppie­rungen mit eigenen Traditionen bezeichnen.

Markus fügt diese unterschiedlichen Traditionen zum ersten Mal zusam­men.

Drei Tempelzelte will Petrus nach 9,5 dem Gesetz (Mose), der Prophetie (Elia) und dem neuen Bund (Jesus) errichten.

Die drei Tempelzelte sind Symbole für die urchrist­lichen Strömungen Juden­christen, Täuferchristen und Geistchristen (Petrus­, christliche Gnosis).

356

Markus ist ein Dichter, sein Evangelium eine Dichtung, ein Prosa­epos im Stil der Zeit.

Jesus Seminar Oktober 2009 in Santa Rosa, Kalifornien, Fahrt nach Santa Rosa, 11. Oktober 2009
Jesus Seminar Oktober 2009 in Santa Rosa, Kalifornien, Fahrt nach Santa Rosa, 11. Oktober 2009

Das Evangelium des Markus ist nur einer litera­rischen Analyse zugänglich, offenbart dann aber den großen spirituellen Reichtum des Frühchristentums neben und nach Paulus.

Markus kann noch nicht auf christliche Vorbilder zurück­greifen, er knüpft in seiner Schrift an griechische und römische Literatur an. Er verwendet Erzählmotive aus christlicher Überlieferung und heidnischer Dichtung.

Die religiösen Vorstellungen kommen bei Markus aus allen Bereichen der antiken Religionen, besonders aus den Bereichen Astro­logie, Alchemie und religiöse Herrscher­verehrung.

Allgemeine religions­geschichtliche Bezüge finden sich im Markus­evangelium so häufig, dass es sinnvoll erscheint, sie wieder in den wissenschaftlichen Diskurs einzubringen.

355

Als das Kirchenschiff nach dem Untergang Jerusalems in schwere See geriet,

Jesus Seminar Oktober 2009 in Santa Rosa, Kalifornien; Professor Helmut Koester (1926-2016)
Jesus Seminar Oktober 2009 in Santa Rosa, Kalifornien; Professor Helmut Koester (1926-2016)

gab Markus die Losung aus: Den schlafenden Jesus wecken! (4, 38), sich auf Jesus besinnen.

Es waren nicht mehr die Jünger und Apostel der ersten Gene­ration, die sich wie Paulus ihrer Gott­unmittel­barkeit rühmen konnten, Galater 1,11-12, die die Kirche führten.

Es waren Christen der zweiten Generation, die mit menschlicher Tatkraft die Kirche einten, 9,39 und auf die Grundlage (arche 1,1) des Evange­liums von Jesus Christus stellten.

354

Markus zieht auch einen Vergleich des jüdischen Krieges mit dem römischen Bürgerkrieg des Jahres 69 n. Chr.

Jesus Seminar Oktober 2009 in Santa Rosa, Kalifornien; Die Tagungsleitung
Jesus Seminar Oktober 2009 in Santa Rosa, Kalifornien; Die Tagungsleitung

In Rom hatte der neue Kaiser Vespasian, der römische Feldherr zu Beginn des Krieges in Judäa, rasch Ordnung geschaffen durch Anknüpfung an den großen Kaiser Augustus.

Vespasian verstand sich aber nicht mehr als Gott wie seine Vorgänger aus der adligen Familie des Augustus, sondern als menschliches Wesen, das mit mensch­licher Tatkraft und mit Ehrfurcht vor den wirklichen Göttern das Gemeinwesen ordnete.

353

Markus gestaltet sein Evangelium nach der Ilias des griechischen Dichters Homer:

Jesus Seminar Oktober 2009 in Santa Rosa, Kalifornien; Blick in den Tagungsraum
Jesus Seminar Oktober 2009 in Santa Rosa, Kalifornien; Blick in den Tagungsraum

Der Tod Jesu, des nach dem Urteil des Markus größten Juden seiner Zeit, im Evan­gelium verweist auf den späteren Untergang Jerusalems. Auch der Tod Hektors, des größten trojanischen Helden, verweist bei Homer auf den späteren Untergang Trojas.

Das Evangelium schließt mit den Tätigkeiten, die zum Begräbnis Jesu gehören, wie die Ilias mit den Feierlich­keiten zum Begräbnis Hektors schließt.

Die Auferstehung Jesu kann im Evangelium nicht mehr erzählt werden, weil auch das literarische Vorbild, die Ilias Homers, mit dem Begräbnis endet und das weitere Geschehen bereits vorher angedeutet wurde.

352

Markus reagiert zunächst mit Trauer,

Jesus Seminar Oktober 2009 in Santa Rosa, Kalifornien; Das Tagungshotel Flamingo
Jesus Seminar Oktober 2009 in Santa Rosa, Kalifornien; Das Tagungshotel Flamingo

auch er sieht einen Zusammenhang zwischen dem Wirken der Christen und dem verhängnisvollen Aufstand gegen Rom.

Aber Markus findet Trost in der griechischen Dichtung, bei Homer, dessen Ilias ihm als damalige Schullektüre gut vertraut war.

So kann er den Untergang Jerusalems mit dem Untergang Trojas bei Homer vergleichen und als von Gott zugeteiltes Schicksal verstehen.

So wie trotz allen menschlichen Ringens die Niederlage der Trojaner in der Ilias von Zeus beschlossen war, so folgte die Niederlage der Juden dem Ratschluss Gottes, der von den Menschen als Schick­sal anzunehmen ist.

351

Der Autor des Markusevangeliums schreibt nach der Kata­strophe des jüdischen Krieges,

Jesus Seminar Oktober 2009 in Santa Rosa, Kalifornien; In den Straßen von Santa Rosa
Jesus Seminar Oktober 2009 in Santa Rosa, Kalifornien; In den Straßen von Santa Rosa

der Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahre 70 n. Chr. Er fragt: Wie konnte es zu dieser Tragödie kommen?

Warum konnte Gott es zulassen, dass die Heiden die heilige Stadt und den wenige Jahre zuvor fertig gestellten Tempel zerstörten?

Hatte Josephus, der konservative jüdische Historiker, recht mit seiner Schuldzuweisung an die Aufständischen, zu denen auch Christen gehörten?

Waren die Christen in Palästina schuld am Brand Jerusalems unter Titus, dem Sohn und Nachfolger Ves­pasians wie die römi­schen Christen angeblich am Brand Roms unter Kaiser Nero?

350

Ein neues Thema:

Das Evangelium des Markus

Jesus Seminar Oktober 2009 in Santa Rosa, Kalifornien; Fahrt nach Santa Rosa, 11. Oktober 2009
Jesus Seminar Oktober 2009 in Santa Rosa, Kalifornien; Fahrt nach Santa Rosa, 11. Oktober 2009

Der ganze Text ist abgedruckt in: Neumann, Johannes: War Jesus Statthalter von Galiläa? Radebeul 2009, S. 43-92. Das Buch kann über den Buchhandel bezogen werden. Weitere Bücher finden sich auf meiner Homepage www.johannesneumann.com

349

Heute unterbreche ich den normalen Text, um etwas von mir zu erzählen.

Johannes Neumann, der Autor des Blogs
Johannes Neumann, der Autor des Blogs

Ich bin Johannes Neumann, bin 72 Jahre alt und wohne in der Nähe von Dresden in dem Land Sachsen in Deutschland. Seit meiner Jugend interessiere ich mich für das Christentum, für seine Entstehung und die Bibel.

Beim Studium der protestantischen Theologie kamen mir Zweifel, ob die biblische Darstellung der Entstehung von Judentum und Christentum der historischen Wahrheit entspricht. Später studierte ich Geschichte und befasste mich mit der Dichtung der Griechen und Römer. Meine Hobbys sind Rad fahren und joggen, im Winter Alpin-Ski und Skilanglauf.

Ich freue mich ganz besonders über jeden einzelnen, der meinen Blog liest und Kommentare schreibt. Es ist ganz toll, wenn ihr einen Link zu meinem Blog auf eure Homepage setzt oder mich in eurer Facebook-Gruppe weiter empfehlt. Meine Thesen sollen noch bekannter werden, damit sie in den Diskurs der Theologie Eingang finden.