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2. Theater: Die Geschichten des Markus sind

800 Jahre Hamburger Hafen, Mai 1989
800 Jahre Hamburger Hafen, Mai 1989

nicht realis­tisch, sondern theatralisch, Theater im Theater, Spiel im Spiel. In Markus 1, 4 steht Johannes taufend (so wörtlich im Grie­chischen) in der Wüste.

Aber wie soll Johannes taufen, wenn er kein Wasser zum Abwaschen der Sünden zur Verfügung hat?

In 1,5, wo die Taufhandlung erzählt wird, haben schon die antiken Handschriften das Wasser ergänzt, dort heißt es: sie ließen sich im Jordan taufen.

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Symbolik 2: Die große Stille, 4,39, ist in der hellenis­tischen Philosophie Epikurs

800 Jahre Hamburger Hafen, Mai 1989
800 Jahre Hamburger Hafen, Mai 1989

und später in der ganzen antiken Philo­sophie ein Symbol für die seelische Ausgeglichenheit, die das Ziel der philo­sophischen Unterweisung ist.

Die als tatsächliche Bege­ben­heit geschilderte Sturmstillung hat also durchaus Gleich­nis­charakter. Wenn das so ist, kann man fragen: Legt Markus den Leser in der Deutung als Geschichtserzählung oder Gleichnis fest?

Oder gibt der Evangelist seinem Publikum eine Deutungsfreiheit, das eine oder das andere zu wählen? Darf der Leser entscheiden, ob er die Geschichte als real oder als Gleich­nis ansehen will?

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Erzähltechnik: Bei Markus ist jedes Wort sorgfältig gewählt, keines ist zuviel.

800 Jahre Hamburger Hafen, Mai 1989
800 Jahre Hamburger Hafen, Mai 1989

1. Symbolik: Das erste dichterische Gestaltungs­mittel ist die Symbolik. Wir werden gezwungen, uns die Frage zu stellen: Ist das Bezeichnete auch das Gemeinte?

In den Gleichnissen in Markus 4 ist das ganz offensichtlich nicht der Fall, ein Gleichnis weist über sich hinaus auf einen anderen, schwieriger zu ver­stehenden Sachverhalt.

Aber was ist Gleichnis, was Hist­orie? Ist die Stillung des Sturms, die das Gleichniskapitel krönt und abschließt, ein historischer Bericht oder ein Gleich­nis?

(Fortsetzung folgt)

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Fortsetzung 5: 6. Die Auflösung des äußeren Konflikts: Erst die tatsäch­liche Heilung

800 Jahre Hamburger Hafen, Mai 1989
800 Jahre Hamburger Hafen, Mai 1989

bringt die Lösung des Konflikts auf der äußeren Ebene. Bei Markus folgt auf die Konfliktlösung (der Heilungs­prozess wird nicht geschildert) eine Handlungsanweisung: hier in 2,11 geht es wie in 1,44 um eine Bestätigung der tatsäch­lichen Heilung durch die jüdischen Autoritäten.

Die Bestäti­gung befreit Jesus nicht nur vom Vorwurf der Scharlatanerie, die Schrift­gelehrten, die Jesus gerade kritisierten, müssen seine Wunder­heilung nun bestätigen.

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Fortsetzung 4: 4. Die Auflösung des moralischen Konflikts: Jesus räumt

800 Jahre Hamburger Hafen, Mai 1989
800 Jahre Hamburger Hafen, Mai 1989

diese Bedenken aus, er darf heilen, und er spricht dem Kran­ken die Sünden­vergebung zu.

5. Die Auflösung des inneren Konflikts: Von dem Makel, er sei selbst schuld an seiner Krankheit, ist der Kranke nun be­freit, geheilt ist er aber noch nicht.

Ist die Sün­den­vergebung also doch nur ein frommer Spruch? Das empfin­den die Schrift­gelehrten, 2,6-7, und Jesus selbst, 2,8-9 so, deshalb be­kräf­tigt er seinen Hei­lungs­willen.

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Fortsetzung 3: Zu der äußeren Ebene (Kranker und Jesus)

Hamburg, Außenalster
Hamburg, Außenalster

und der inneren Ebene (Glaube des Kranken und Heilungswille Jesu) kommt nun eine dritte Ebene, die mora­li­sche hinzu.

Hier wird die Frage gestellt: Ist es erlaubt zu heilen, darf Jesus in die göttliche Ordnung eingreifen? Kriti­siert Jesus damit nicht die göttliche Schöpfung als unfertig?

Kriti­siert Jesus Gott damit nicht als stümperhaften Schöpfer, der dem Menschen eine halb­fertige Schöpfung hinterlassen hat, damit der Mensch sie voll­ende?

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Fortsetzung 2: 3. Der moralische Konflikt: In 2, 1-12, der detailreichsten

Hamburg, Außenalster
Hamburg, Außenalster

Heilungsgeschichte des Markus, erwartet der Leser eine schnel­le Heilung, nachdem sich die Helfer des Kranken soviel Mühe gemacht haben, diesen zu Jesus zu bringen.

Aber Jesus lässt den Leser zappeln. Wie in einem schönen Liebesroman, wo sich die Liebenden erst nach vielen Hindernissen und Missverständ­nissen in den Armen liegen, baut Markus Verzögerungen in die Handlung ein, um die Spannung zu erhöhen.

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Fortsetzung 1: 1. Der äußere Konflikt: In 1,21-28 schildert Markus

Hamburg, Goldbekkanal
Hamburg, Goldbekkanal

einen äußeren Konflikt zwischen zwei Personen. Ein Kranker (böser Geist) greift Jesus mit Worten an, Jesus muss sich wehren.

2. Der innere Konflikt: In 1,40-45 wird das Vorher­gehen­de bereits vorausgesetzt. Wie der Leser weiß auch der Kranke, dass Jesus heilen kann (1,40).

Hier geht es um den inneren Konflikt. Will der Kranke geheilt werden? Glaubt er an Jesus? Will Jesus ihn heilen oder wählt Jesus seine Patienten nach bestimmten Kriterien wie Bedürftigkeit, morali­schen Qualitäten oder Zuge­hörigkeit zum Judentum aus?

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Markus hat seine Erzähleinheiten nach einem bestimmten Sche­ma

Hamburg, Außenalster
Hamburg, Außenalster

aufgebaut, dessen Verständnis die Interpretation wesentlich erleichtert. Er führt uns das Schema mit den ersten Wunder­geschichten in 1, 21-2, 12 selbst vor.

Es  gibt drei Konflikte, den äußeren, den inneren und den morali­schen Konflikt. Diese Kon­flikte werden erst geschildert, dann in umgekehrter Reihenfolge aufgelöst.

397

Der unechte Markusschluss: Im sekundären Markusschluss,

Hamburg, Außenalster
Hamburg, Außenalster

16,8-20, werden metaphysische Er­schei­­nungen und eine Himmel­fahrt angefügt, die Jesus als Bewohner der himmlischen Welt zeigen.

Diese zweite Erzähl­ebene, die Götterebene Homers und Vergils, hatte Markus ebenso wie der römische Dichter Lucan (39-65 n.Chr.) bewusst vermieden.

396

Johanneskirche 11: Erst später erinnern sich die Frauen

Hamburg, Außenalster
Hamburg, Außenalster

an den Verkündigungsauftrag, den der Evangelist an ihrer Stelle erfüllt. Der auferstandene Jesus wird den Jüngern in Galiläa begegnen, 16,7.

Die Auferstehung, das neue Leben findet nicht an religiös herausgehobenen Orten, sondern in der Alltagswelt, für die Jünger in Galiläa, statt.

395

Johanneskirche 10: Die alchemisti­sche Kunst der Frauen

Hamburg, Außenalster
Hamburg, Außenalster

reicht nur dazu, den Leichnam für das Jenseits und eine spätere Auferstehung zu bewahren. Zu ihrer Überraschung kehrt Jesus aber in das Diesseits der Frauen und der Jünger zurück.

Jesus ist auferstanden, er lebt bereits wieder. Obwohl Jesus nicht anwesend ist, können die Frauen dies klar erkennen.

Der junge Mann rechts ist das untrügliche Zeichen dafür. Die Frauen sind entsetzt und können ihre Erlebnisse nicht sofort an andere christliche Gruppen weitergeben.

394

Johanneskirche 9: Die von Markus überlieferte Tradition

Hamburg, Außenalster
Hamburg, Außenalster

der Erscheinungen vor den Frauen muss älter sein als die von Paulus zitierte Tradition der Erscheinun­gen vor Petrus und den Jüngern, von der sie später verdrängt wurde.

Markus berichtet die Auferstehung interessanter­weise nicht als Ereignis, sondern als Botschaft, als Botschaft der Frauen der Täuferchristen, zu deren Überlieferung das Oster­geschehen gehört.

393

Johanneskirche 8: Während die Frauen Jesus für das Jenseits

Hamburg, Außenalster
Hamburg, Außenalster

reisefertig machen wollen, kehrt er in ihre diesseitige Wirklichkeit zurück. Die neue Schöpfung hat bereits begonnen.

Jesus ist nach seinem tiefen Fall vollständig rehabilitiert und erweist sich in der Auf­erstehung als mächtiger als seine Feinde.

Markus 16,8 berichtet vom Schweigen der Frauen über die Auferstehung. Markus zitiert hier also eine Tradition, die den Auferstehungs­glauben zunächst als Sonderüberlieferung von christlichen Frauengruppen (Maria) kennt.

392

Johanneskirche 7: Die Frauen stehen bereits in direkter Beziehung

Hamburg, Hotel Vier Jahreszeiten
Hamburg, Hotel Vier Jahreszeiten

zum Auferste­hungs­­geschehen. Ihr Ansinnen, den Leichnam mit den dazu üblichen Materialien für das Toten­gedenken bzw. für die Reise ins Jenseits herzurichten, erweist Jesus die angemessene irdische Ehrerbie­tung, 15,47-16,1.

Die Vorbereitungen der Frauen verweisen schon auf die erwartete neue Schöpfung. Das, was die Frauen erst für die Zukunft erwarten, ist aber schon jetzt Wirklichkeit geworden.

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Johanneskirche 6: Jesus kann der Sitte gemäß

Hamburg, Junfernstieg
Hamburg, Junfernstieg

bestattet werden. Die Aberkennung der bürgerlichen Ehren­rechte, die mit der Strafe der Kreuzi­gung verbunden war, ist aufgehoben, 15,45.

Indem Joseph von Arimathäa Jesus bestattet, ist sein Rang im göttlichen Heilsplan schon höher als der des Pilatus.

Joseph schafft mit dem hermetischen Verschluss des Grabes, 15,46, die -alchemistische – Voraussetzung für die neue Schöp­fung, die nach­folgende Auferstehung.

390

Johanneskirche 5: Nun sehen wir einen Anhänger Jesu

Hamburg, Hotel Atlantic
Hamburg, Hotel Atlantic

im Range eines Ratsherrn, Joseph von Arimathäa, der sich zu Jesus bekennt und den Leichnam Jesu erbittet, 15,42-43.

Jetzt kommt Pilatus ins Spiel, wiederum ranghöher, der entgegen der Gepflogenheit die Leiche Jesu zum Begräbnis freigibt, 15,44-45.

Pilatus ist hier ganz anders gezeich­net als in der judenchristlichen Passionsüberlieferung. Er ist nicht mehr der wankelmütige, von den Stimmungen des unbere­chenbaren und leicht zu beeinflus­senden Pöbels abhängige Despot.

Pilatus ist hier ein souveräner Herr­scher, der eine sachgemäße und pietätvolle Entscheidung trifft.

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Johanneskirche 4: Als erster Mensch legt der römische Haupt­mann

Hamburg, Außenalster
Hamburg, Außenalster

seine Verachtung ab und billigt Jesus eine Beziehung zum Göttlichen zu: einen Gottessohn nennt er ihn, 15,39. Nun weist Markus den Leser darauf hin, dass Jesus nicht so einsam starb, wie es schien.

Die Jüngerinnen nahmen in gemessenem Abstand an seinem Leiden teil, 15,40-41.47. Die Frauen weisen als Symbole der Fruchtbarkeit auf neues Leben, auf Ostern hin wie vorher die Leidensweis­sagungen auf die Passion.

388

Johanneskirche 3: Wenn Gott im Rang hier unmit­tel­bar neben der Natur

Alt-Hamburg, Reimerstwiete, 1989
Alt-Hamburg, Reimerstwiete, 1989

erscheint, heißt das: Markus hat nicht Gott als handelnde Person im Blick, sondern die göttlichen Kräfte in der Natur, die beim Verlassen des Menschen seinen Tod ver­ursachen und in Tempeln als Naturkräfte verehrt werden.

Dass Gott als rang­höchste Person mit seinem Heilsplan hinter dem Geschehen von Leiden und Auferstehen steht, wissen wir schon.

387

Johanneskirche 2: Wir wissen schon aus 15,33, dass die Sonne

Alt-Hamburg, Nikolaifleet, 1989
Alt-Hamburg, Nikolaifleet, 1989

nach der neunten Stunde zurückkehrt. Die Gottverlassenheit Jesu aus 15,34 wird in 15,38 aufgehoben: der Tempel, der irdische Wohnsitz Gottes, zeigt die Trauer, das Mitgefühl Gottes an.

So wie der Jude als Zeichen der Trauer sein Kleidungsstück zerreißt oder zumin­dest sichtbar ein Stück weit einreißt, so entsteht als Zeichen göttlicher Trauer im Tempel­vorhang, dem irdischen Kleid Gottes, ein gewaltiger Riss.

Die Trauer ist so groß, dass der äußerst kostbare Stoff in voller Länge zerreißt und wertlos wird.