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10.     Epochen und Epochengrenzen

Um das Jahr 30 n. Chr. regiert in Rom und in Palästina eine Altherrenriege,

Vulkan Pichincha, Schwefeldämpfe
Vulkan Pichincha, Schwefeldämpfe

die ihre politische Prägung noch unter Augus­tus erhalten hat. Von der Insel Capri aus dirigiert der 70jährige Kaiser Tiberius das Geschehen in Rom. In der Haupt­stadt des Reiches hält der Bevollmächtigte des Tiberius, der Ritter Sejan, alle Fäden der Macht in den Händen.

In Palästi­na herr­schen die Tetrarchen Herodes Antipas und Philippus seit über 30 Jahren in den nördlichen Provinzen, Antipas wird seit mehr als 20 Jahren von dem Statthalter Jesus unter­stützt.

Judäa und Samaria stehen als Provinz Judäa unter rö­mi­scher Verwaltung, seit 26 n. Chr. führt der Ritter Pontius Pilatus als Präfekt ein strenges Regiment.

Diese beschau­liche Idylle au­gus­teischer Stabilität und orientalischer Lebens­freude wird in den folgenden Jahren von einer Reihe von Ereignissen erschüt­tert, in deren Verlauf das Herrschafts­perso­nal voll­stän­dig aus­ge­tauscht und die politische Verantwortung in den Jahren 36/37 n. Chr. auf die Schul­tern einer neuen Generation gelegt wird.

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Die Planung und der Bau der neuen Hauptstadt Tiberias wa­ren das Meisterstück des Statthalters Jesus.

Vulkan Pichincha, Krater im Krater
Vulkan Pichincha, Krater im Krater

Für dieses Glanz­stück sei­ner Tätigkeit erhielt er den Ehrennamen tekton (tektwn). Dieses grie­chi­sche Wort wird meist mit Zimmermann übersetzt, hat hier aber die Bedeutung von Baumeister, Architekt.

Wer eine neue Stadt, noch dazu eine Hauptstadt baut, möchte vieles besser machen, möchte Altes hinter sich lassen, die Idee eines neuen Jerusalem stand dabei Pate.

In der judäischen Hauptstadt Jerusalem wurde seit über 40 Jahren der große Jahwe-Tempel, das Haus Gottes, gebaut. Antipas und Jesus wollten eine Stadt für die Menschen bauen, ohne dabei die göttlichen Mächte zu vergessen.

Die neue Hauptstadt wurde in Rekordzeit gebaut, wenn auch nicht in drei Tagen wie in Johannes 2,19. Aus dem Jahre 20 n. Chr. gibt es die ersten Münzen des Antipas mit der Inschrift Tiberias und der Schilfpflanze, die als Symbol der am See liegenden Stadt galt. Die Münzen feiern die Grün­dung der neuen Hauptstadt.

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9.       Tiberias

Wer biblische Geschichten kennt, erinnert sich an das Gleichnis vom großen Abendmahl

Vulkan Pichincha, Abstieg in den Krater
Vulkan Pichincha, Abstieg in den Krater

(Matthäus 22,1-14, Lukas 14,15-24): Ein König lädt Gäste ein, die Eingeladenen können nicht kommen. Da entschließt sich der König, Arme und Bettler von der Straße zu seinem großen Bankett einzuladen. Glück­licher­­weise hat uns Josephus die historische Situation geschil­dert, aus der heraus das Gleichnis entstanden ist, Altertümer 18,2,3.

Der Fürst Antipas hatte die neue Haupt­stadt erbaut und sie nach dem regierenden Kaiser Tiberias genannt. Als er die Vornehmen seines Fürsten­tums einlud, in der neuen Hauptstadt Quartier zu nehmen, hatten sie alle Ausflüchte.

So bat Antipas die weniger Vor­nehmen, in der Hauptstadt zu wohnen und lockte die Mittellosen mit dem Angebot, Grundstücke, Wohnungen und Ackerland zu erhalten. Auch wurde keiner gefragt, was er vorher gewesen war, wenn er in die Hauptstadt zog.

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Das fünfte Gleichnis: das Zöllnermahl.

Vulkan Pichincha, Abstieg in den Krater
Vulkan Pichincha, Abstieg in den Krater

Zölle und Steuern wurden in den hellenistischen Staaten und im Römischen Reich als Pacht vergeben. Wohlhabende Familien garantierten mit ihrem Vermögen dafür, dass die geforderte Steuersumme einer Stadt oder eines Gebietes aufgebracht wurde. Ihre Aufgabe bzw. ihr wirtschaftliches Risiko bestand darin, die an den König gezahlten Steuern auf alle wohlhabenden Bürger der Stadt oder des Gebietes umzulegen und das Geld von diesen einzutreiben.

Im Fürsten­tum des Antipas wird die Zoll- und Steuerpacht genauso funktio­niert haben. Die Zollpächter, mit denen der Statthalter Jesus zu Tisch saß, können ursprünglich nur die reichen ju­däischen Aristokraten gewesen sein, die in der Lage waren, für eine gewisse Steuersumme zu bürgen.

Versteht man die Erzäh­lung so, dann heißt es, Jesus hat als Statthalter den judäischen Adel in Galiläa nicht ausgegrenzt, sondern in die monarchische Ge­sell­schaft eingebunden. Als die reichen Aristo­kraten Wohltaten des Monarchen forderten, so wie sie den armen Galiläern ge­währt wurden, war die Antwort Jesu jedoch negativ: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken, Mar­kus 2,17.

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Das vierte Gleichniswunder: Die Heilung des Lahmen.

Vulkan Pichincha, Ecuador
Vulkan Pichincha, Ecuador

Dieses Wunder hat eine zentrale Bedeutung für das Urchris­tentum, es wird – gering variiert – auch von Petrus und Paulus erzählt (Apostelgeschichte 3,1-11; 14,8-18). Im Alten Testament ist die Hilfe für die Lahmen ein Zeichen des Messias und der Endzeit, Micha 4,6f; Zefanja 3,19.

Der Kranke ist wieder das galiläische Volk. Das Volk ist so schwach, dass es keine eigenen Anstrengungen für die Heilung unter­nehmen kann. Es gibt aber Helfer, die Jesus die Hilflosigkeit des Volkes buchstäblich vor Augen führen.

Im Gleichnis besteht die Hilfe Jesu in einem Befehl. In der historischen Wirklichkeit bestand die Hilfe des Statthalters Jesus in dem Befehl, sich selbst zu helfen, Jesus befahl aber nicht nur, er sorgte auch für die rechtlichen und wirtschaftlichen Möglichkeiten, seinem Be­fehl Folge zu leisten.

Jesus sorgte für einen Wirtschafts­auf­schwung, der sich histo­risch nachweisen lässt. Auf die Grün­dung und Besiedlung von Tiberias werde ich in diesem Zusam­menhang noch zu sprechen kommen.

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Das dritte Gleichniswunder: die Heilung des Aussätzigen.

Vulkan Pichincha, Krater
Vulkan Pichincha, Krater

Der Kranke stellt wieder das nichtjüdische Volk von Galiläa dar. Der Aussatz (Lepra) ist eine ansteckende und unheilbare Krank­heit, in der Antike wurde eine strenge Quarantäne durchgesetzt, die Krankheit schloss den Kranken aus der Gemeinschaft aus.

In Gleichniserzählungen dienen der Aussatz und der Aussätzige oft als Symbol für den Ausschluss aus der Gemeinschaft, z. B. aus der religiösen Gemeinschaft (so vermutlich schon 2. Könige 5).

Der Statthalter Jesus will alle Menschen in Galiläa unmittelbar dem Monarchen unterstellen, er braucht alle für den wirtschaft­lichen Aufbau, die Stärkung der Wirtschaftskraft des Fürsten­tums. Jesus will die Barrieren, die von der judäischen Aristo­kratie errichtet wurden, um die galiläische Bevölkerung von den Vorteilen aus der wirtschaftlichen Erholung fernzuhalten, nieder­reißen.

Jesus heilt den Aussätzigen. Das Wunder besteht nicht darin, dass Jesus Naturgesetze durchbrechen kann, sondern darin, das plötzlich jemand in der Lage ist, der nichtjüdischen galiläischen Bevölkerung die gleichen Rechte wie den jüdischen Bürgern einzuräumen.

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8.       Die Maßnahmen des Statthalters Jesus nach Markus 1-2

In Markus 1-2 hat sich – in der Form von Wunder­geschichten – ein Maßnahmenkatalog erhalten, der Jesu Tätig­keit als Statt­halter

Vulkan Pichincha, Krater
Vulkan Pichincha, Krater

zusammenfasst. Die Wundergeschichten sind nicht histo­ri­sche Berichte über Heilungen an Einzelpersonen, sondern Gleich­nis­­erzählungen, die die Tätigkeit des Statthalters Jesus für die ganze Bevöl­ke­rung Galiläas beschrei­ben.

Die erste Heilung gilt dem Mann mit dem unreinen Geist. Der Mann symbolisiert das Volk von Galiläa, der unreine Geist, der es beherrscht, ist die judäische Aristokratie in Galiläa, die ihre Vor­macht­stellung auf ihre angeb­liche Reinheit und die angebliche Unrein­heit der nichtjüdischen Bevöl­ke­rung stützt.

Die Unreinheit der galiläischen Bevölkerung besteht nicht tatsächlich, sie ist nur eine polemische Aussage der judäischen Aristokratie, die die Bevölkerung Galiläas als religiös und sozial minderwertig darstellen will.

Der Geist spricht es aus: Jesus vernichtet die Machtstellung des judäi­schen Adels in Galiläa, der Mann, das galiläische Volk, wird von der Zwischen­herrschaft in Form einer Gerichtsbar­keit des judäischen Adels befreit und ist nun dem Monar­chen direkt unter­stellt.

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7.       Die Quellen – Fakten und Fiktion

Ein berühmtes spätantikes Mosaik aus Sousse in Tunesien (3. Jahrhundert n. Chr.) zeigt den römischen Dichter Vergil

Vulkan Pichincha, Krater
Vulkan Pichincha, Krater

sitzend zwi­schen zwei Musen. Zu seiner Rechten steht Klio, die Muse der Geschichte, mit einer Schrift­rolle in den Händen, zu seiner Linken Melpomene, die Muse der Tragödie, mit einer Theater­maske.

Auf den Knien hat Vergil eine Buchrolle mit dem 8. Vers der Aeneis, wo es heißt: Muse, sag mir die Gründe… Vergil hat mit der Aeneis das römische Staatsepos geschaffen, den Grün­dungs­mythos Roms.

Der Evan­gelist Markus schrieb mit seinem Evangelium den Gründungs­mythos des Christentums. Wie bei Vergil, so standen auch bei Markus zwei Literatur­gattun­gen Pate, die Geschichts­schreibung, die Fakten überliefert, und die Tragödie, die in dichterischer Verfremdung die Dinge auf den Punkt bringt.

Der Dichter er­zählt uns die Gründe des Gesche­hens, aber nur verschlüsselt und verdichtet.

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Zu 3: Der Sturz von der Tempelzinne erinnert an den Absturz bei der Steinigung.

Vulkan Pichincha, Morgennebel im Krater
Vulkan Pichincha, Morgennebel im Krater

Der Fabeldichter Äsop wird von den Delphern wegen angeblichen Religionsfrevels einen Berg hinab­gestoßen (Vita 141), dasselbe Schicksal droht Jesus in Lukas 3,29. Es ging darum, dass die Monarchie die Gerichtshoheit an sich zog und Bürgerrechte gewährte, damit die Unterschicht der Gerichts­bar­keit der Aristokratie entzogen wurde.

Wie oben ge­sagt, bestand die Aristo­kratie aus judäischen Familien, die das Land seit der jüdischen Eroberung 104 v. Chr. beherrschten, die Unterschicht aber aus einer gemischten nichtjüdi­schen Bevölke­rung.

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6.       Die Amtsübernahme

Die Einsetzung des Statthalters Jesus in Galiläa und Peräa erwies sich für Antipas

Vulkan Pichincha, internationale Seilschaft
Vulkan Pichincha, internationale Seilschaft

als kluger Schachzug. Scheiterte Jesus, dann konnte Antipas ihn als den Schuldigen entlassen und hatte eine weiße Weste. Hatte Jesus Erfolg, konnte der Tetrarch sich den Erfolg als seinen Verdienst anrechnen.

Man kann die erwei­terte Versuchungs­geschichte bei Matthäus und Lukas als eine Art Anstel­lungs­vertrag ansehen. Es werden drei Themen ange­spro­­chen: 1. Brot, 2. Herrschaft, 3. persönliche Sicherheit.

In der Erzählung ist jeweils Jesus selbst der Nutznießer, in der histo­rischen Situation sollte er die Vorteile an die Bevölkerung weiter­geben. Es ging um die Herrschaftssicherung für den Fürsten Antipas, die Beschnei­dung der Macht der Aristokratie und die Gewinnung der unteren sozialen Schichten als Machtbasis für die Monar­chie.

Zu 1: In der Antike lautet die Regel Nr. 1 der Macht­siche­rung: Vermeide Hungeraufstände. Sozialpolitik war Versorgung mit ausreichen­dem und dadurch preiswertem Getreide.

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Als Herodes der Große 4 v. Chr. starb, gab Augustus das Reich an drei seiner Söhne. Die Aufgabe,

Vulkan Pichincha, Kraterrand
Vulkan Pichincha, Kraterrand

denen sich die Herodes­söhne stellen mussten, bestand darin, das feudal regierte Königreich ihres Vaters in moderne Monarchien nach augustei­schem Vorbild umzuwan­deln und den Einfluss der unter Hero­des mächtigen Aristokratie zurückzudrängen.

Die Fürsten sollten den wirtschaftlichen Aufstieg neuer sozialer Schichten begünsti­gen, die eine solide Machtbasis der Monarchien darstel­len würden.

Der älteste der Herodessöhne, Archelaos, der Judäa erhielt, scheiterte. 6 n. Chr. wurde er auf Verlangen der ju­däischen Aristokratie von Augustus entlassen und ins Exil geschickt. Judäa wurde, so wünschten es die Adelsfamilien, eine römische Provinz.

Philippus erhielt als seine Tetrarchie die nördliche Provinz mit der später ausgebau­ten Hauptstadt Caeserea Philippi. Er löste die Aufgabe der Umwand­lung in eine moderne Monarchie mit Bravour und starb hoch geachtet 34 n. Chr.

Antipas, der Vollbruder des Archelaos, erhielt das kleine, landwirtschaftlich reiche Galiläa und den Land­strich Peräa östlich des Jordan.

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5.       Zeitgeschichte

Drei Stichworte gibt es zum geschichtlichen Umfeld Jesu: Rom, die Parther und Galiläa.

Vulkan Pichincha
Vulkan Pichincha

(1) In Rom hatten die alten Adelsfamilien in der späten Republik durch Machtkämpfe den Staat an den Rand des Abgrundes geführt.

Kaiser Augustus war es gelungen, anstel­le der aristokratischen Herrschaftsform eine Monarchie zu errich­ten, die die Fassade der Republik wahrte und die alten Eliten durch vielfältige Verwaltungsposten und Ehrenämter in den neuen Staat einbezog.

Unter Augustus florierte die Wirt­schaft, ein Bauboom brachte Arbeitsplätze für die Unterschicht und Gewinne für die Unternehmer. Bildhauer und Dichter überboten sich im Lobpreis für Augustus, den ersten Mann im Staat, und das goldene Zeitalter ohne Krieg, das er heraufgeführt hatte.

Augustus wurde zum gefeierten Vorbild aller Monarchen dieser Zeit, auch der herodianischen Fürsten.

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4.       Arbeitssuchend

Als Herodes schwer erkrankte, wurden die Studien der Judäer

Vulkan Pichincha, Aufstieg zum Kraterrand
Vulkan Pichincha, Aufstieg zum Kraterrand

abrupt beendet. Ende 5 oder Anfang 4 v. Chr. reisten die Prinzen und Jesus mit ihnen nach Judäa. Das Jahr 7 v. Chr., als die große Konjunktion von Jupiter und Saturn den Astrologen in Judäa einen Herrschaftswechsel ankündigte, hatten sie glück­licher­weise in Rom verbracht und waren so dem Misstrauen des alternden Herodes entgangen.

Zwei Halbbrüder der Prinzen, die Mariamnesöhne Alexander und Aristobul, hatte Herodes im Jahr 7 v. Chr. aus fadenscheinigen Gründen hinrichten lassen. Im Matthäus­evangelium erscheint dieses Ereignis als der Kinder­mord von Bethlehem, dem Jesus entgeht, weil er sich in Ägypten (=Rom) aufhält.

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3.  Die Chronologie

1.  Nach Johannes 2,20 und 8,57 war Jesus nach 46 Jahren Bau­zeit des Tempels, also 27 n. Chr.

Vulkan Pichincha, Aufstieg zum Kraterrand
Vulkan Pichincha, Aufstieg zum Kraterrand

etwa 50 Jahre alt. Er wurde also ca. 24/23 v. Chr. geboren. Das passt zu den Anga­ben, dass Jesus unter der Herrschaft des Kaisers Augustus (Lukas 2,1ff) und des jüdischen Königs Herodes des Großen (Matthäus 2,1ff, Lukas 1,5) geboren wurde. Augustus regierte von 31 v. Chr. bis 14 n. Chr., Herodes von 37 bis 4 v. Chr.

2.  Das hohe politische Amt, das Jesus nach der Versuchungs­geschichte (Matthäus 4,8f, Lukas 4,5-7) angeboten wurde, war das Amt des Statthalters des Herodes Antipas in Galiläa.

Jesus übernahm das Amt im Jahr 6 n. Chr., er war damals 30jährig und bekleidete sein erstes öffentliches Amt (Lukas 3,23). 6 n. Chr. war das Krisenjahr der Herodessöhne, damals wurde Archelaos, der Bruder des Antipas, von Augus­tus in Jerusalem abgesetzt und verbannt.

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Nach Josephus, Altertümer 17,1,3 wurden Archelaos, Antipas und Philippus um das Jahr 9 v. Chr.

Vulkan Pichincha, 4794 m, Ecuador
Vulkan Pichincha, 4794 m, Ecuador

zur weiteren Aus­bildung nach Rom gesandt, wo sie bei einem Privatmann, möglicherweise bei Asinius Pollio, Quartier nahmen.

 Jesus wurde mit den Prinzen nach Rom geschickt und absolvierte die gleiche Ausbildung. Herodes und seine Söhne brauchten tüchtige Ver­wal­tungsfachleute und Diplomaten, die dem Königs­haus treu ergeben waren.

Für die Römer war es wichtig, Angehörige der Eliten der unterworfenen Völker auszubilden, die in ihren Hei­mat­ländern römische Herr­schafts­prinzipien vermit­teln konnten.

Die Aus­bildung bestand in den artes liberales, den Studien, die den Freien anstanden, weil sie keine schwere Handarbeit erfor­derten: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arith­metik, Geometrie, Astro­nomie (und Astrologie), Musiktheorie. Unterrichts­sprache war Latein

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2.       Kindheit, Ausbildung

Jesus wurde ca. 24/23 v. Chr. geboren und erhielt eine typisch aristokratische Erziehung,

Vulkan Cotopaxi 5897 m, Ecuador
Vulkan Cotopaxi 5897 m, Ecuador

bis zu seinem 7. Lebensjahr befand er sich im Frauenhaus in der Obhut seiner Mutter und ihrer Dienerinnen und wurde zusammen mit Ge­schwis­tern und anderen Kindern betreut.

Im Alter von 7 Jahren begann für ihn die Elementar­schule in Gestalt der Schule der königlichen Prinzen, wo er mit Antipas, anderen Prinzen und Aristokraten­söhnen und dem späteren christlichen Presbyter Manaen (Apostelgeschichte 13,1) erzogen wurde.

Während im Hause der Mutter Aramäisch und Griechisch gesprochen wurde, fand der Schulunterricht nur in griechischer Sprache statt. Fächer waren das Rezitieren Homers und anderer Klassiker, Lesen und Schreiben, Rechnen, Geometrie, Musizieren, Turnen.

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4.         Die zeitliche Nähe zum sogenannten samaritanischen Messias

Oldtimerbus, Quito, Ecuador
Oldtimerbus, Quito, Ecuador

(Josephus, Altertümer 18, 4, 1) ist so evident, dass beide Ereignisse als iden­tisch angesehen werden können. Jesus war der samarita­ni­sche Messias und wurde 36 n. Chr. hingerichtet.

5. Die Erhebung Jesu zum Messias in Caesarea Philippi macht nur Sinn, wenn Jesus dafür qualifiziert war. Er musste schon eine ähnliche Position bekleidet haben oder seinem Stand nach dafür infrage kommen oder beides.

6. Ich verstehe deshalb die Versuchungsgeschichte ganz irdisch so, dass Antipas im Krisenjahr 6 n. Chr., als er Gefahr lief, abgesetzt zu werden, Jesus das Amt des Statthalters von Galiläa angeboten hat, und Jesus das Angebot annahm (erst die spätere Kirche erzählte die Ablehnung des Angebotes).

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1.       Rekonstruktion der Biographie Jesu

Von welchen Grundannahmen ist bei der Rekonstruktion der Biographie Jesu

Oldtimerbus, Quito, Ecuador
Oldtimerbus, Quito, Ecuador

auszugehen? Welche grundlegenden ersten Schluss­folgerungen sind zu ziehen?

1.  Jesus wurde von Pilatus als Messias gekreuzigt. Das ist das historisch am besten gesicherte Ereignis der Biographie Jesu. Eine sinnvolle Rekonstruktion der Biographie kann also nur von hier ausgehen.

2.  Jesus wurde in Caesarea Philippi zum Messias erhoben, Markus 8,29. Das macht erst Sinn nach dem Tod des Fürsten Philip­pus im Jahre 34 n. Chr.

3.  Die armenische Krise brach 35 n. Chr. aus, die romfeind­lichen Kräfte in Palästina witterten Morgenluft und hofften auf Unter­stützung von den Parthern für ihre Erhebung gegen Rom.

Es ist gut vorstellbar, dass Jesus als parthischer Gegen­könig in der vakanten Tetrarchie des Philippus ein­gesetzt wurde.

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Meine methodischen Lösungsansätze sind folgende:

Panecillo, Quito, Ecuador
Panecillo, Quito, Ecuador

1.  die Annahme einer anthropologischen Konstante (gleiches mensch­liches Verhalten vor 2000 Jahren und heute), Ableh­nung einer Singularität im Falle Jesu,

2. die genaue Beachtung des zeitgeschichtlichen Umfelds,

3. die Anerkennung der antiken Religiosität als Grundlage des Urchristentums,

4. die Neubewertung der Evangelien als Dichtung und als Teil des literarischen Diskurses des 1. Jahrhunderts n. Chr.,

5.  die Annahme, dass die geschichtlichen Vorgänge einer logi­schen und argumentativen Beschreibung zugänglich sind.

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Hermann Samuel Reimarus (1694-1768) deckte diesen Wider­spruch auf, indem er die Kriterien

Altstadt Quito, Ecuador
Altstadt Quito, Ecuador

Plausibilität und Quellen­über­ein­­stimmung zur Untersuchung der Jesus-Geschichte heran­zog. Er wies nach, 1. dass die bibli­schen Erzählungen von Jesus und seinen Jüngern häufig nicht plausibel sind, 2. dass es zahlreiche Widersprüche zwischen den biblischen Lehren Jesu und den Lehren der Apostel und damit der Kirche gibt.

Reimarus schlug folgende kirchen­kritische Lösung vor: Die Auferstehung beruhe auf einem Betrug der Jünger, die weiterhin als Wander­prediger ihren Lebensunterhalt verdienen wollten.

Während das Problem, das Reimarus aufwarf, als wissen­schaft­liches Problem anerkannt wurde und zur Leben-Jesu-Forschung des 19. Jahrhunderts führte, wurde seine Lösung von den nach­folgenden Forschern zu Recht verworfen.