265

III.     Das Gehirn

These 9

Das teure Gehirn

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


Das Gehirn ist für ein Lebewesen ein sehr teures Organ, weil es sehr viel Energie verbraucht. Dennoch ist über die Säugetiere, die Primaten, die Affen, die Großaffen und schließlich die Hominiden bis zum Men­schen eine stete Zunahme der relativen Gehirn­größe zu beobachten.

Erläuterung:

Am Anfang sollen zwei Zahlen zum Energieverbrauch die Kosten des Gehirns deutlich machen: 1. Das Gehirn verbraucht rund 20 % der gesamtem im Körper verbrauchten Energie. 2. Mehr als 50 % der Energie, die der menschliche Fötus aufnimmt, werden zum Aufbau seines Gehirns verwendet.

Jetzt sollen drei Autoren, die sich im Zusammenhang der menschlichen Evolution zu den Kosten des Gehirns geäußert haben, zu Wort kommen. Robin Dunbar, von dem ich die erste Prozentzahl übernommen habe, schreibt:

Hirngewebe ist ungewöhnlich kostspielig, sowohl was das Wachsen als auch was die Instandhaltung angeht. Es benötigt ungefähr zehnmal mehr Energie, als man von seinem Gewicht her erwarten würde, und es ist das teuerste Gewebe nach dem des Herzens und der Leber.

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264

Mit dem Entstehen der menschlichen Kultur, der Kulturfähigkeit des modernen Menschen entsteht etwas Neues, bisher nicht Dagewesenes.

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


Warum entwickelt sich die Kultur, der Geist? Welches sind die Gründe, was ist die Veranlassung zu dieser Neuheit, die die Welt der Spezies Mensch grundlegend ändern wird? Wie kam es dazu, dass das Gehirn durch einen Funktionswechsel zur Basis des menschlichen Geistes wurde?

Die zweite Frage: Worin besteht das Neue, wie kann man die spezifisch neuen Sachverhalte, die entstehen, beschreiben? In der Besprechung von Tomasellos Buch Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation schreibt Jürgen Habermas:

Nachdem das Größenwachstum des menschlichen Gehirns aufgehört hatte, sind kulturelle Lernprozesse an die Stelle der genetischen Anpassung ge­tre­ten. Was anderen Tierarten fehlt, ist die generationen­übergreifende Wei­ter­gabe symbolisch gespeicherten Wissens, das im Lichte neuer Erfahrungen revidiert und erweitert wird.
(Jürgen Habermas 2009; Es beginnt mit dem Zeigefinger, in: DIE ZEIT Nr. 51/2009 vom 10.Dezember 2009, S. 45)

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263

These 8

Die biologischen Ursachen

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


Die erste Aufgabe besteht darin, die biologischen Mechanismen zu be­schrei­ben, die zur Entstehung des menschlichen Gehirns führten. Es  sind also die biologischen Ursachen für die Entwicklung des mensch­lichen Gehirns, des Gehirnwachstums und des Endes des Gehirn­wachstums vor Beginn der Kulturleistungen des homo sapiens darzu­legen.

Die zweite Aufgabe besteht darin zu beschreiben, wie das bereits vorhandene menschliche Gehirn durch einen Funktionswechsel zur biologischen Basis des Geistes werden konnte.

Erläuterung:

Wenn ich bei einem Gegenstand die Einzelheiten nicht gut genug erkenne, nehme ich eine Lupe zu Hilfe, will ich noch mehr Details oder Material­strukturen erkennen, benutze ich ein Mikroskop. Will ich einen Sachverhalt wissenschaftlich erforschen, dann besteht eine Methode darin, den Sachverhalt in viele kleine Problemfelder aufzugliedern, die jeweils einzeln untersucht werden. Am Ende werden die Lösungen wieder zusammengefasst.

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262

Wenn das Gehirn der biologische Sitz des Geistes ist, so ist der Geist doch nicht mit dem Gehirn identisch,

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


sondern hat eine eigene Identität, die es zu erforschen und zu beschreiben gilt. Die Grundform des Geistes bzw. der Kultur entsteht in einer besonderen historischen Situation, und mit dem Geist entsteht eine neue Existenzstufe,

es entstehen emergente Eigenschaften von Individuen und sozialen Gruppen, die mit dem biologischen Theoriegebäude nicht mehr angemessen zu beschrei­ben sind, sondern den Einsatz geistes- bzw. sozialwissenschaftlicher Theorien erfordern.

Michael Tomasello hat in Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens auf den im evolutionären Maßstab kurzen Zeitraum von höchstens 250.000 Jahren aufmerksam gemacht, in dem die kulturelle Entwicklung des Menschen bis heute stattfand.

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261

Aus der Embryonalentwicklung wissen wir, und Darwin hat das in aller Ausführlichkeit betont, dass

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


von der Ontogenese des heutigen Indivi­duums Rückschlüsse auf die Stammesgeschichte, die Phylogenese, mög­lich sind. Warum sollte man diese Argumentation nicht auch auf Geist und Gehirn anwenden?

Jeder Säugling hat biologisch bereits ein mensch­liches Gehirn, bevor er kulturelle Anregungen seiner Umwelt aufnehmen kann. Das sollte auch für die Phylogenese, für die Stammes­geschichte des Menschen gelten. Das zeitliche Nacheinander von Ge­hirn­­entwicklung und Geist ist grundlegend, wirft aber neue Fragen nach der Entstehung des Gehirns auf.

Von dem Zeitpunkt an, indem das menschliche Gehirn in seiner heutigen Form vorhanden ist, besteht die Möglichkeit der Entstehung des mensch­lichen Geistes und der menschlichen Kultur, aber eben nur die Möglichkeit.

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260

II.      Der Lösungsweg

These 7

Das Nacheinander von Gehirn und Geist

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


Das menschliche Gehirn als Basis des menschlichen Geistes ist eine evolutive Neuheit, die nicht allmählich, sondern nur durch Funktions­wechsel entstanden sein kann. An die Stelle der Koevolution von Geist und Gehirn tritt ein anderes Denkmodell, das des zeitlichen Nach­ein­ander:

Zuerst entstand das menschliche Gehirn, danach entwi­ckelte sich der menschliche Geist. Zuerst musste aus biologischen Ursa­chen das menschliche Gehirn entstehen, erst danach konnte das mensch­liche Gehirn durch einen Funktionswechsel zur evolutiven Neuheit, zur Basis des menschlichen Geistes werden.

Erläuterung:

Die biologische Grundlage des menschlichen Geistes ist das Gehirn des Menschen. Deshalb ist die Entstehung des menschlichen Gehirns eine zentrale Fragestellung bei der Entwicklung der menschlichen Kultur und des menschlichen Geistes.

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259

Darwin beschreibt in der Abstammung des Menschen die Höher­entwick­lung des Menschen

Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989
Festumzug, Cusco, Peru, 27. 8. 1989


als Zusammenspiel von biologischen und kulturellen Faktoren. Das Gehirn der Vor- und Frühmenschen wird größer, gleich­zeitig und in gegenseitiger Abhängigkeit steigen die kulturellen Leistungen an. Beim Gehirnwachstum geht es um biologische und vererbliche Faktoren, die kulturellen Leistungen sind nicht vererblich, sie müssen Generation für Generation neu erlernt werden.

Der kulturelle Sprach­erwerb setzt die biologische Ausstattung der Individuen dazu voraus. Das Kleinkind, dem die biologische Ausstattung zur Sprachartikulation oder die Fähigkeit zu hören fehlt, kann die Sprachfähigkeit nicht erwer­ben.

Darwin sagt auch nichts über die biologischen Mechanismen, die die höheren Affen plötzlich auf die Spur gesetzt hätten, um menschliche Wesen zu werden. Er vertraut offenbar dem hegelschen, sich selbst entfaltenden Geist, der irgendwann über die höheren Affen gekommen ist wie der Heilige Geist über die Jungfrau Maria.

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